Eine "wahre Geschichte" handelt vom Leben selbst, von Herz, Schmerz und schmutziger Wäsche, von privaten Eröffnungen und skandalträchtigen Enthüllungen, wie sie die Windsors angesichts von "Diana - A True Story" haben blaß werden lassen. Wen aber soll "U & I. - Eine wahre Geschichte" schockieren? Das I setzt sich sofort selbstgewiß in Szene: "Am 6. August 1989, es war ein Sonntag, saß ich im Arbeitszimmer meines Schwiegervaters und rückte die Tastatur auf meinem Schoß zurecht. Ich tippte Datum und Uhrzeit ein, 9.46 Uhr."

"I" steht für den amerikanischen Schriftsteller Nicholson Baker. Seine Romane "Vox" und "Fermate", Laborberichte über die Mutationen der sexuellen Phantasie, sind bekannter als seine Anweisungen für eine genaue Erkenntnis der Dinge, der Stufen seiner "Rolltreppe" etwa: "Es ist", heißt es da, "als versuchte man, mit dem Auge den Anfang einer Schallplattenrille herauszuvergrößern und die Spirale visuell auf der sich drehenden Platte nachzuverfolgen, wobei man sich fast sofort in den grauen Windungen verliert."

Nun will er seinen ersten Morgensatz schreiben, doch ein allzu nahe liegender Satz von John Updike kommt ihm in die Quere. Er will sich an einen Nachruf auf Donald Barthelme machen. Updikes mustergültiger Nachruf auf Nabokov hindert ihn. Da endlich beschließt er, sich kein X mehr für dies U vorzumachen, sondern Updike zum You zu erklären, bevor er ihm wird, was Nabokov Updike wurde: ein totes Vorbild. Unbedingt soll U (dessen autobiographische Essays "Selbstbewußtsein" gerade erschienen sind) erfahren, was I (dessen Selbstbewußtsein so sehr von U geprägt ist) über ihn denkt.

Was wäre, wenn ... Die fiktiven Begegnungen zweier Schriftsteller, die realen Begegnungen ihrer Fiktionen, die Suche nach Spuren von Updikes Texten in den eigenen, die Konfrontation der eigenen Kopfschachzüge mit denen des phantasierten Gegners beziehungsweise Mitspielers - diese Spiegelfechterei der Projektionen erzeugt genau den Spiralschwindel, den, mehr noch als der konjunktivische Sex oder die Zeitreisen in der "Fermate", die Rolltreppenrillen im Hirn des Lesers anrichteten. Man ist schon gewarnt, als der Autor, es ist Halloween, flugs und gekonnt entwirft, welche Halloween-Impression Updike verfaßt hätte, während er sich selbst bezichtigt, allenfalls ein Stück über den Wunsch zustande zu bringen, etwas über Halloween zu schreiben, "und wer wollte das schon lesen?" Ganz einfach: alle, die wahrhaft "wahre Geschichten" mögen, in denen Gedanken leben und Herz, Schmerz und Schmutz ihren Sitz am rechten Fleck haben, in der verzwickt verzweigten Welt der Vorstellungen nämlich.

Wie sehr sich Baker im virtuellen Raum zu Hause fühlt, beweist die Sammlung von Essays, die den zweihundert Seiten starken Updike-Text zu einem übergewichtigen Kompendium verdoppeln. Die Recherchen über Modellflugzeuge und Nagelknipser, Interpunktionszeichen und Zettelkataloge sind Tüfteleien eines Potentialisten und Zeichenlesers, für den der Europäismus "Alltagsphilosoph", den die Klappe bereithält, viel zu verstaubt ist. Wenn er die Bücher, die in den Möbelkatalogen als Requisiten dienen, als Lektüreempfehlungen ernst nimmt und dabei en passant einen Beitrag zur Shakespeareforschung leistet, durchstößt er leichthin das durchsichtig-undurchdringliche Panzerglas zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. In der Welt dahinter bewegt er sich als Feldforscher und Enzyklopädist, Zoologe und Botaniker, surft im Zickzack durchs Labyrinth der Querverweise, sammelt Tippfehler, Fingernagelschnipsel und Satzzeichenhybride, unbekümmert um Kategoriensprünge und logische Tabus: ein Querdenker im Wortsinn.

Mit dem Realgepäck im Gedankenland erschließt er nebenbei eine herrlich bizarre Metaphernwelt. Meinungen tollen als Präriehunde vor seiner inneren Amateurfilmkamera. Ein großer Gedanke kann Zeitungen kaufen, Jungwählern die Hand schütteln und die Krawatte lösen. Ein lange nicht gelesener Abschnitt ist ein "taubstummes, zerlumptes Kind". Worte tragen "sibirische Konsonantenhüte" und "lange hermelinöse Vokale".

Kein Wunder, daß er dennoch die grüne Grenze zum Gedankenland schützen will und für die Schonung einer Idee vor der Verurteilung zum Wort, für das Verbleiben eines Modellflugzeugs im hypothetischen Zustand der Gebrauchsanweisungen und Einzelteile ist: Plädoyers des Bastlers und Wortemachers fürs Ungebaute und Ungesagte. Man kann froh sein, daß sich Baker nicht an das eigene, wie immer paradoxe Verdikt gehalten hat, und dennoch: "U & I" hat diesen Appendix von Aufsätzen, unter denen die frühen von manieristischer Erbaulichkeit nicht ganz frei sind, nicht nötig positiv ausgedrückt: Beide Teile hätten einen eigenen Band verdient.