Es ist seltsam: Der Staat des Grundgesetzes, dem die DDR 1990 beigetreten ist, heißt seit fast einem halben Jahrhundert "Bundesrepublik Deutschland".

Doch jetzt spricht mancher von der "Bonner" und der "Berliner Republik". So hat die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin eine Vortragsreihe unter dem Titel "Die Außenpolitik der Berliner Republik" begonnen. Sie mußte allerdings erleben, daß die ersten Vortragenden, die Fraktionsvorsitzenden von Union, SPD und FDP im Bundestag, zu dem Begriff "Berliner Republik" auf Distanz gingen. Das Vertrauen unserer Partner in die Kontinuität und Verläßlichkeit unserer Außenpolitik auch nach Fortfall der alliierten Vorbehaltsrechte wird durch den Titel nicht gestärkt.

Im Grunde handelt es sich bei dem Begriffspaar von Bonner und Berliner Republik um Schlagworte für den gehobenen Stammtisch. Für die Propagandisten der Berliner Republik ist die Bonner Republik die alte Folie, von der sich die neue, die Berliner Republik um so strahlender abheben soll. Aus dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin soll also gewissermaßen eine neue Republik abgeleitet werden, wobei Berlin nicht zur Bundeshauptstadt, sondern zur "deutschen Hauptstadt" proklamiert wird.

Hinter dieser Rede steht der Wunsch, Selbstverständnis, Bild und Politik der Bundesrepublik zu ändern. Die Bundesrepublik soll "nationaler", die Entscheidungsstrukturen unserer komplexen Gesellschaft sollen einfacher werden.

Das Schlagwort von der Berliner Republik enthält nationale Tendenzen und kaschiert die Tatsache, daß die Gestaltungsfähigkeit des Nationalstaats in der globalisierten Welt weiter abnimmt. In nationalen Kategorien läßt sich gut reden, solange nicht dargelegt werden muß, wie eine deutsch-nationale Sicherheits-, Außen-, Wirtschafts-, Umwelt- und Kriminalpolitik denn heute aussehen könnte. Die Beschäftigung mit diesen Fragen würde die Diskussion näher an die Wirklichkeit heranführen und zeigen, daß die "alte" Bundesrepublik deutsche Interessen - einschließlich der Bewahrung der Freiheit Westberlins - umsichtiger und erfolgreicher vertreten hat, als sich ihre Kritiker offenbar einzugestehen vermögen.

Als Schlagwort für die Kristallisation nationaler Gefühle kommt die Berliner Republik außerdem - umzugsbedingt - etwas spät. Denn die Diskussion um das Selbstverständnis der Bundesrepublik nach der Einheit hat entscheidende Phasen schon hinter sich. Der von Ernst Nolte ausgehende Versuch einer "nationalen" Geschichtsrevision durch Bagatellisierung der Naziverbrechen und Abwertung unserer Demokratie ist fehlgeschlagen - obwohl ihm vereinzelt auch dort Raum gegeben wurde, wo man es hätte besser wissen sollen.

Deutschnationale und nationalliberale Töne der unmittelbaren Umbruchszeit sind inzwischen leiser geworden. Das hat handfeste Gründe. Die Währungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik zur deutschen Einheit hat im Osten keine "blühenden Landschaften" erschaffen, sondern die Industrie- und Gewerbestruktur zerstört im Westen wuchs ein Milliarden-Schuldenberg - in beiden Teilen herrscht erdrückende Arbeitslosigkeit. Das läßt für einen Überschwang nationaler Gefühle wenig Raum.