Die Serben haben eine Beziehung zu ihrer Geschichte wie keine andere Nation in Europa. Kein Volk sonst hat seine größte Niederlage - in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje) gegen die Türken 1389 - zum alles überschattenden Nationalmythos, zum Altar seiner Legenden und Ikonographie ausgeschmückt. In der Anrufung des vorangegangenen mittelalterlichen Reiches unter Zar Dusan dem Mächtigen (1331 bis 1355) wird die serbische Geschichte mit einer Bedeutung beladen, die weit über das Territorium und seine Bevölkerung hinausgeht.

Als eine Bastion Europas haben sich zwar alle Balkan-Nationen irgendwann gefühlt - die Kroaten unter König Tomislav als "Bollwerk gegen die Orthodoxie", die Albaner unter Fürst Skanderbeg als "Retter des Abendlandes vor den Türken". Doch das Ausmaß seiner Historienmalerei macht Serbien zur Ausnahme. Dabei war das serbische Reich schon in den Jahrzehnten vor der Schicksalsschlacht gegen die neue Macht der Osmanen von den eigenen rivalisierenden Feudalfürsten arg zerrupft worden. Durch die Niederlage auf dem Amselfeld aber wurde Serbien zu einer dem osmanischen Militärfeudalismus völlig untergeordneten Bauerngesellschaft.

Dafür aber lebte der mittelalterliche serbische Staat in der Erinnerung weiter - nicht so, wie er wirklich gewesen war, sondern wie die Alten von ihm sangen. Vieles an dieser Hagiographie erinnert an die Legenden vom heiligen Rußland, mit denen Alexander Solschenizyn und seine slawophilen Vorväter eine goldene Aura zur Verklärung der Rückständigkeit schufen und den langfristigen Triumph der russischen Seele über den westlichen Materialismus prophezeiten.

Doch die russischen Slawophilen bildeten nur eine von mehreren Strömungen.

Die serbischen Heldenepen und die serbische Volkspoesie aber schufen eine gemeinsame Grundlage für die ethnische und kulturelle Einheit. Von Generation zu Generation gaben sie die idealisierte Vergangenheit weiter, die wiederum die Chronik der Gegenwart verklärte. Jeder serbische Gastgeber in der Türkenzeit, der auf sich hielt, drehte nicht nur das Lamm am Spieß, sondern spielte auch die Gusle, die einsaitige Holzfidel, zum gemeinsamen Gesang der überlieferten Poeme. So stellte sich dem lese- und schreibunkundigen Volk der nationale Sonderweg dar, unumkehrbar abgewichen von der präzisen historischen Streckenkarte - aber doch zu einem gemeinsamen Empfinden für die kulturelle und politische Identität der Nation führend. Der legendär bewahrte Rachegedanke an das Amselfeld ließ die Serben als erste Nation auf dem Balkan 1804 gegen die Türken aufstehen - im Glauben an jene politische und staatliche Einheit, von der die Poeme aus grauer Vorzeit kündeten. Und diesen stets erneuerten Glauben mißbrauchten am Ende Milosevic und seine Schergen für ihre Machtziele. Wie weit die Schändung der Symbole ging, beweist ein Bild aus dem bosnischen Krieg. Es zeigt den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic mit der Gusle in der Hand vor den auf Sarajevo gerichteten serbischen Kanonen.

Ivan Colovic, der angesehene Belgrader Ethnologe und Kulturanthropologe, beschreibt hier, welche Rolle die serbischen Mythen im jugoslawischen Bürgerkrieg gespielt haben. Der Autor zahlreicher semiotischer Studien und Bücher (in deutscher Sprache liegt bisher vor: "Bordell der Krieger" fibre-Verlag, 1994) ist Gründungsmitglied der demokratisch-oppositionellen Gesellschaft unabhängiger Intellektueller - Belgrader Kreis.

Bemerkenswert ist unter anderem, daß die von Colovic beschriebene Vereinnahmung der benachbarten Kroaten, Muslime, Makedonier, Albaner durch Belgrad als "ursprüngliche" Serben mit nur verlorener Identität ihre Entsprechung auch in Kroatien hatte. So bezeichneten die faschistischen Ustasi, die es im Zweiten Weltkrieg auf Bosnien-Herzegowina abgesehen hatten, die dortigen Muslime als "Weißkroaten" germanischen Ursprungs. Die Hinweise von Colovic auf die Gemeinsamkeiten der serbischen und kroatischen politischen Symbolik bestätigen: Solange diese Nationen nicht von ihren Mythen Abschied nehmen können, bleiben sie "Gefangen auf dem Balkan" - wie es im Titel unseres Dossiers über Kroatien in der vergangenen Woche hieß (ZEIT Nr. 3/98).