Wenn einer eine weite Reise tut, reiben sich die Finanzminister der Welt vergnügt die Hände. Ham se mal 'ne Mark für Visagebühren, Ein- oder Ausreisesteuern, eine Flughafenerneuerungsabgabe dort und die kostenpflichtige Lizenz zum Durchleuchtenlassen hier? Bevor es überhaupt losgehen kann, hat Waigel Reisenden schon mal fünfzig Mark aus der Tasche geleiert. Nach acht Wochen Lieferzeit ist der neue Reisepaß prompt da, der allerdings "Eigentum der Bundesrepublik Deutschland" bleibt. Also bitte keine Eselsohren!

Selbst wenn einer nur mit dem Finger auf der Landkarte verreist, mischt sich noch die Staatsgewalt ein. Helmut Kohl höchstselbst hat nämlich einen Atlas durch sein Vorwort geadelt. Man solle sich bitte, so mahnt der Kanzler milde, "stets vergegenwärtigen, daß unser Planet nie einfach nur als Gegenstand der Kartographie betrachtet werden darf, sondern daß er der Menschen Heimat ist".

Nicht Oggersheim, nicht unser vereinigtes Vaterland, sondern unser Planet.

Nach dieser überraschenden Heimatkunde fällt das Kartenwerk im Unterhaltungswert stark ab. Wie gut hätte eine freihändig vom Staatsmann gezeichnete Weltkarte diesem Atlas zu Gesicht gestanden, zumal Kohl der klassischen Kartographie mit soviel berechtigtem Mißtrauen begegnet.

Diesem Handwerk verdanken wir beispielsweise den weitverbreiteten Irrglauben, Grönland sei dreimal so groß wie Australien, obwohl es sich in Wahrheit umgekehrt verhält. Seit die Erde eine Kugel ist, also seit gut 500 Jahren, mühen sich Kartographen, diese eigenwillige Gestalt auf ein plattes Stück Papier zu bringen. Die Versuche tragen zwar klangvolle Namen wie "Hammersche flächentreue Azimutal-Abbildung", sind aber trotz aller Mühen mehr oder weniger gelungene Fälschungen geblieben.

Mal stimmen die Winkel nicht, dann verfahren sich die Kapitäne, mal die Flächen, dann erscheint Grönland eben größer als Australien, oder man sieht Alaska doppelt. Daß obendrein Demokraten wie Despoten dazu neigen, Grenzen neu zu ziehen und Städte und Länder umzubenennen, macht den Verlagen das Leben zwar schwerer. Andererseits erlaubt diese permanente geographische Rechtschreibreform jährliche lukrative Neuauflagen.

Doch von welchem dickleibigen Kartenwerk sollte man sich seine Weltanschauung verzerren lassen? Schwer im Trend liegt der dickleibige "Weltatlas für das 21. Jahrhundert", auch wenn man ahnt, daß hier mehr versprochen als am Ende gehalten wird. Und natürlich kann ein Kartenwerk mit Kanzlervorwort niemals falsch sein. Eine persönliche Empfehlung wäre jedoch die 147. Auflage des Diercke-Schulatlas aus dem Jahr 1969. Unerreicht in seiner Übersichtlichkeit, garantiert vorwortfrei, ist er in manchem Detail einfach präziser als neuere Ausgaben aus demselben Haus und von der Konkurrenz: Der Kongo heißt im alten Diercke noch Kongo, und so heißt die Demokratische Republik auch jetzt wieder. Und nicht Zaire, wie sie noch in den derzeit "aktuellen" Atlanten firmiert. Man muß halt auch in der Heimatkunde nicht jede Mode mitmachen.