Überall nur die drei großen Buchstaben: ICH. Meterhoch, aus Holz gesägt, ragen sie an den Seitenwänden der Bühne auf. Zerschnitten in der Horizontalen, sieht man sie im Hintergrund. Auf einem Gazevorhang schimmern sie in Spiegelschrift. Und sperrig mit Schraubzwingen wie zu einer Generalüberholung aufgebockt, liegen sie auf dem Boden. Der ganze Raum: ein Labyrinth aus Balken und Bögen, Nischen und Ebenen, Lichteinfall und Schattenwurf, offenbar eine rätselhafte Werkstätte für ein ominöses ICH. Aber in dem zerklüfteten Atelier findet man zuallerletzt, was die großen Lettern so aufdringlich propagieren - Identität. Gespenstisch unbehaust und kulissenhaft wirkt diese Bühneninstallation. In anonymen dunklen Anzügen stecken die beiden Akteure, die in ihr umherirren, hilflos um die Ecken biegen, sich somnambul vorantasten. Und einmal, mitten hinein in die gähnende Raumleere, taucht als Lichtschrift die entscheidende bange Frage auf: "Ist Jemand da?"

In Beat Furrers Oper "Narcissus" aber, für die Michael Simon sein unwirtliches Buchstabenkabinett im Forum der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle zusammengepuzzelt hat, gibt es keine Figuren, die einfach da sind, die singen und handeln, lieben und leiden. Der in Wien lebende Schweizer Komponist wollte für sein zweites Musiktheaterstück nichts mehr wissen vom "Trugbild sich bekundender Subjektivität". Er hat nach einem "Antihelden ohne opernhafte Identität" gesucht und schließlich eine "prozessuale Figur" entwickelt: ein in zwei Sprecher aufgespaltenes Opern-Ich, dem Gesang als Kommunikationsmedium versagt bleibt und dem offenbar sogar die semantische Ebene des gesprochenen Wortes abhanden gekommen ist. Nur zerhackte und gestotterte Silben, Vokale und Konsonanten bringen die beiden Darsteller, die im Zentrum des Stücks stehen, hervor. Im Stadium der Vorsprachlichkeit setzt Furrer mit seiner Arbeit an, scheint sich die Sprache neu zu komponieren, unterwirft sie musikalisch strukturierten Verlaufsformen und entwickelt aus den fragmentierten Worten oder gegen sie seine Musik. Schier endlos dauert es, bis der erste bleischwere Satz des Abends aus gestammelten Lauten zu jäh abreißenden Einzeltönen, getuschelten perkussiven Geräuschen und verwischten Streicherfiguren geformt ist: "Hat schon ein anderer so grausam geliebt?"

Furrers Thema ist der antike Mythos von Narziß und Echo, vom schönen, eitlen Jüngling, der, unfähig zum Dialog, die ihn liebende Nymphe in die Versteinerung treibt und - "O wenn ich vom eigenen Leib mich zu trennen vermöchte!" - an der Unerreichbarkeit seiner Selbstliebe zugrunde geht, schließlich zur Blume wird. Aus den "Metamorphosen" des Ovid hat sich der Komponist die wenigen Sätze für sein (Nicht-)Libretto destilliert und aus der poetischen antiken Geschichte ein Stück über existentielle Einsamkeit und bohrende Selbstsuche gemacht, in der die Endzeitschwärze eines Samuel Beckett nie weit ist. So wie das verführerische Spiegelbild von Narcissus auf der Wasseroberfläche bei der ersten Berührung zerspringt und zerrinnt, so hat sich auch Furrers Musik in kleinste, schillernde Partikel aufgelöst.

Eine behutsame, labyrinthisch voranschreitende Schreibweise offenbart sich da, voll von fein verästelten Kürzeln und Motivfolgen, formal schier undurchschaubaren Spiegelungen, Brechungen, metamorphischen Verwandlungen und gedehnten Pianissimo-Passagen, die mitunter von harsch hochgefahrenem Klangmaterial jäh durchbrochen werden. Alles ist strukturell ertüftelt in dieser Partitur. Vom spontanen, ungefilterten musikalischen Einfall will Furrer nichts wissen.

So entwickelt sich dramaturgische Spannung fast ausschließlich aus der permanenten Suche nach neuen Klang- und Gestaltvarianten und den komplexen Umwandlungsprozessen, denen das musikalische Material ausgesetzt ist. Und Michael Simon, der Regisseur der deutschen Erstaufführung in Bonn, war klug genug, die luzide Struktur des Stücks nicht mit bildmächtigen Regieeinfällen zu überdecken. Ganz dezent, ganz sparsam ausagiert, ließ er es in seiner verschachtelten Bühneninstallation wirken und leuchten, und der Komponist selbst realisierte eine präzise durchgearbeitete musikalische Deutung der vertrackten Partitur.

Ein vergrübeltes Stück ist diese "Narcissus"-Oper, spröde, unnahbar und über weite Strecken so irritierend solipsistisch in sich selbst kreiselnd wie die mythische Hauptfigur, die es thematisiert. Als Vorstoß in ein Musiktheater jenseits von Literaturoper und konventioneller Handlungsdramatik gehört es freilich zu den spannendsten Opernexperimenten der letzten Jahre.