Sein Lieblingskomponist war Gustav Mahler, und am leidenschaftlichsten vermochte er sich in dessen 6. Sinfonie zu vertiefen. Die apokalyptischen jähen Stimmungswechsel, die seelische Zerrissenheit, die drei brutalen Hammerschläge des Schicksals am Ende - dem Dirigenten Klaus Tennstedt schien dies alles besonders vertraut zu sein. Eine wild gezackte Kurve aus künstlerischen Hochs und gesundheitlichen Tiefs beschreibt seine erst spät begonnene Pult-Karriere. In der DDR, in Chemnitz, Dresden und Schwerin, hat er mehr als die Hälfte seines Lebens abseits des internationalen Musikbetriebs gewirkt, bevor er 1971 als 45jähriger in den Westen floh und via Kiel beim Toronto Symphony Orchestra landete. Binnen kürzester Zeit avancierte er in Amerika zu einem der begehrtesten und beliebtesten Dirigenten deutscher Herkunft. Der mitunter kühlen Brillanz der amerikanischen Orchester begegnete er mit einem ausgeprägt expressiven Dirigierstil. Als "High-Voltage-Maestro" bezeichnete ihn die amerikanische Kritik, während die Urteile in Deutschland über ihn meist viel kühler und zurückhaltender ausfielen: Nur für kurze Zeit war er Chef des NDR-Sinfonieorchesters. Beim London Philharmonic Orchestra löste er 1983 Georg Solti als Chefdirigent ab. Immer wieder gefährdete eine schwere Krebskrankheit Tennstedts künstlerisches Wirken, zwang ihn zu Absagen und längeren Pausen, denen ein ums andere Mal hochgelobte Comebacks folgten. Am 12. Januar ist Klaus Tennstedt im Alter von 71 Jahren in Heikendorf bei Kiel gestorben.