Hamburg. Weihnachten 1942. Meine Großmutter ist Gastgeberin am Heiligen Abend. Beide Söhne - Jahrgang 1902 und 1909 - sind auf "Heimaturlaub". Der jüngere, mein Vater, hat nach Besatzermanier Kognak aus Paris mitgebracht.

Der ältere, mein Onkel Paul, zu alt für den normalen Wehrdienst, war zur Polizei eingezogen worden und seit geraumer Zeit in Polen. Die Familie feiert im größeren Verband Weihnachten und das Wiedersehen.

Es wird getanzt. Man hat dem Kognak bereits reichlich zugesprochen. Mein Onkel tanzt mit meiner Mutter. Er bleibt mitten im Tanz stehen und sagt zu ihr: "Kannst du dir vorstellen, daß ich solche jungen Frauen wie dich habe erschießen müssen?" Meine Mutter fühlt sich sofort nüchtern und verspürt starke Kopfschmerzen. Sie zieht sich zurück. Die Familie hält sie für betrunken. Am folgenden Tag erhält sie Besuch von meinem Onkel, ängstlich und aufgeregt redet er auf sie ein und läßt sich versprechen, daß sie niemandem von den Judenerschießungen erzählt.

Im Jahr 1967, ich bin fünfzehn Jahre alt und lebe bei meinen Eltern in Schleswig-Holstein, kommt mein Onkel zu Besuch. Er wohnt in Niedersachsen und ist Inhaber zweier Schuhgeschäfte. Hin und wieder besucht er uns, die Brüder verstehen sich gut. Diesmal kommt er jedoch nicht von daheim, sondern aus Hamburg, wo er an einem Prozeß teilgenommen hat. Ich sitze mit am Tisch und höre erstmals, was er im Krieg gemacht hat: als Angehöriger eines Polizeibataillons Juden in Polen erschossen. Frauen, Kinder, Männer.

Ich schreie ihn an, wie er das hat tun können. Er sieht mich an - hat er Tränen in den Augen? - und behauptet, man hätte ihn erschossen, wenn er nicht geschossen hätte. (Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung in Ludwigsburg hat festgestellt, daß von jenen SS-Leuten, die sich weigerten, an Erschießungen von Männern, Frauen und Kindern teilzunehmen, niemand verurteilt und hingerichtet, geschweige denn an Ort und Stelle erschossen worden ist. Allenfalls wurden sie beschimpft oder zu einer anderen Einheit versetzt.) Weint er aus Selbstmitleid, oder trauert er um die Opfer? Mein Vater sagt gar nichts und schaut unendlich traurig, meine Mutter verbissen-angeekelt. "Befehlsnotstand". Wollte ich etwa, so schießt es mir durch den Kopf, das Leben meines Onkels preisgeben?

Zu schwere Fragen für eine Fünfzehnjährige. Aber ich weiß nun, daß die Juden, wie ich es gerade in der Schule lerne, nicht ausschließlich in Vernichtungslagern vergast worden sind. Und ich weiß, daß Täter nicht anonym sind. Sie heißen nicht nur Hitler, Himmler, Göring und Heydrich, dessen Photo uns die Geschichtslehrerin mit der Bemerkung gezeigt hat, man sehe ihm den Verbrecher an. Täter heißen auch Onkel Paul.

Mein Onkel, beflügelt durch mein Verstummen angesichts der erdrückenden Fragen, erzählt nun von dem Prozeß. Er erwähnt Namen: den seines Kommandeurs Trapp und auch einen W. S. aus der Nähe von Hamburg. Diese Namen merke ich mir. Vor allem jedoch erzählt er, daß er die Morde nicht zugeben will. Er habe gesagt, er könne sich nicht erinnern. Ein früherer "Kamerad", Zeuge wie er, nutzt die Gelegenheit, vor Gericht alles zu erzählen, was er weiß: die Wahrheit. Mein Onkel macht sich über diesen Mann lustig, höhnisch gibt er seinem Unverständnis über dessen Verhalten Ausdruck - der belaste sich doch nur selber. Er wird nur wenig aussagen. Er wird nichts zur Wahrheitsfindung beitragen.