Ein Komponist, in dessen OEuvre es noch viel zu entdecken gibt: Michael Tippett. In seiner Heimat war der vergangene Woche in London gestorbene Engländer zwar neben Benjamin Britten ein hochverehrter "Sir" der zeitgenössischen Musik, aber hierzulande hat man meist einen Bogen um seine Werke gemacht. In den Programmen der Sinfonieorchester und Opernhäuser tauchen sie kaum auf. Von der Darmstädter und Donaueschinger Nachkriegsavantgarde ist Tippett als epigonal und eklektisch geschmäht worden. Erst in den Zeiten der musikalischen Postmoderne schien sich manchenorts der Blick zu öffnen für seinen den heterogensten musikalischen Einflüssen aufgeschlossenen Personalstil. Wie Britten hatte Tippett (Jahrgang 1905) viel weniger Reserven gegenüber der musikalischen Tradition als seine Zeitgenossen im Herzen Europas. Strawinskys Neoklassizismus war für seine Entwicklung von wesentlicher Bedeutung. Eine holzschnittartige Orchestrierung mit blockartig getrennten Instrumentengruppen und ein trockener antidramatischer Ausdruck tauchen immer wieder in den Stücken auf. Mit Ravel teilte er eine Leidenschaft für geschickt verarbeitete Jazzeinflüsse. Sein wohl bekanntestes Stück, "A Child Of Our Time" aus dem Jahr 1944, orientierte sich an Bachs Oratorienform. Buntscheckig und doch unverwechselbar ist Tippetts Schaffen, meist auch verknüpft mit pazifistischen Botschaften. Zum Beispiel in seiner 3. Sinfonie: Im Schlußsatz zitiert er da plötzlich Beethovens Neunte und konterkariert die pathetische Brüderlichkeitsbotschaft auf spektakuläre Weise. Dem kurzen Zitat folgt keine Ode an die Freude, sondern der melancholische, bedrückende Blues einer schwarzen Sopranstimme: "We know not so much joy for so much sorrow."