Sehr geehrter Herr Goldhagen!

Ehe ich inhaltlich auf den Sinn dieses Briefes eingehe, will ich mich Ihnen vorstellen: Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischer Abstammung, habe jedoch dank meiner "arischen" Mutter die Schoah lebend überstanden. Mein Großvater war der erste jüdische Rektor einer deutschen Universität (Königsberg/Ostpreußen 1904/05). Zwei Mitglieder unserer Familie (Onkel meines Vaters) sind in Auschwitz ermordet worden, weil sie nicht (wie zum Beispiel andere, die oder deren Nachfahren heute in Israel leben) rechtzeitig aus Deutschland entkamen. Ich selbst war in den sechziger Jahren mit der Wahrnehmung der Disziplinargewalt über die Polizei des deutschen Bundeslandes Freie und Hansestadt Hamburg betraut.

In dieser Eigenschaft gehörte es zu meinen Aufgaben, die Hamburger Polizei von Beamten zu befreien, die sich insbesondere in Polen schwerer Mordtaten und Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten. Die britische Besatzungsmacht war nämlich bis zum Übergang der öffentlichen Sicherheit von den britischen Besatzungsbehörden auf deutsche Stellen mit unvorstellbarer Milde und Nachsicht gegen Polizeibeamte, die in Polen im Kriege eingesetzt waren, vorgegangen. Obwohl drei der am schlimmsten belasteten Polizeibataillone in Hamburg stationiert waren, haben die britischen Behörden nur einen Bataillonskommandeur (Polizeimajor Trapp) an die Polen ausgeliefert (die ihn hängten) und einen Hauptmann aus dem Dienst entfernt, ohne ihn weiter zu belangen (Hoffmann). Soweit die betreffenden Angehörigen der fraglichen Einheiten noch im Polizeidienst waren, wurden sie bei der Übernahme der Zuständigkeit durch deutsche Stellen unkündbare Beamte auf Lebenszeit. Sie konnten dieser Eigenschaft nur verlustig gehen, wenn sie gerichtlich zu einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt wurden.

Diese Säuberung der Hamburger Polizei fiel nun in meine obenerwähnte Dienstzeit. Nachdem zunächst die mutmaßliche Belastung der Beamten festgestellt war, dispensierte ich sie vom Dienst bis zum Abschluß der Untersuchung und der Übergabe an die Staatsanwaltschaft zur Strafverfolgung.

Zugleich kürzte ich die Dienstbezüge auf das höchstzulässige Maß von fünfzig Prozent. Da hierzu natürlich die Beamten das verfassungsrechtliche Recht auf rechtliches Gehör besaßen, habe ich alle Betroffenen persönlich ausführlich vernommen und sie dabei persönlich kennengelernt. Im Verlaufe des bei mir anhängigen Disziplinarverfahrens vor Beginn des staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens kam es dann natürlich zu zahlreichen weiteren Vernehmungen und Begegnungen. Ich kenne daher auch alle in Ihrem Buch erwähnten ehemaligen Polizeibeamten persönlich (insbesondere auch die früheren Hauptleute - beziehungsweise nach dem Kriege: Hauptkommissare - Wohlauf und Hoffmann).

Ich will mich dabei heute mit Ihrem Buch "Hitlers willige Vollstrecker" nicht hinsichtlich jener Mängel und Kritiken auseinandersetzen, die Historiker und andere Wissenschaftler gegen Ihr Werk vorgetragen haben (obwohl ich die meisten davon teile). Ich will auch nicht auf das von mir uneingeschränkt begrüßte Verdienst Ihres Werkes eingehen, das in der Wiederbelebung einer intensiven Auseinandersetzung und Diskussion der verbrecherischen Verwicklung weiter Teile des deutschen Volkes in die Schoah besteht. Ich muß jedoch erhebliche Zweifel anmelden gegen die Richtigkeit jener These von Ihnen, daß die Mordtaten der Polizeiangehörigen in Polen und anderswo (zum Beispiel Sowjetunion, Jugoslawien, Griechenland und so weiter) antisemitisch begründet waren. Bei aller Würdigung der Abscheulichkeit des Antisemitismus halte ich diese Ursachenfeststellung für eine Verharmlosung der Motivierung der Täter.

Leider war deren Motivation viel schlimmer: Sie bestand in ihrem ethisch-moralischen Unvermögen, von menschlichen Werten getragen zu handeln.