Die Mode im neuen Jahr? Ein verblaßter Mythos. Was in den minimalistisch eingerichteten Boutiquen der Designer hängt, stapelweise in Jeansläden auf Kundschaft wartet oder auf Flohmärkten rumliegt, wird heute meist Klamotten genannt.

Noch tut Paris so, als sei das alles nicht wahr. Wieder einmal ruft die Haute Couture. Bald werden sie wieder mit den Starmodels über die Laufstege schweben, die aufwendigst gearbeiteten Kreationen für wohlhabende Kundinnnen, die die astronomischen Summen auf den Preisschildchen sowieso nicht zu entziffern brauchen. Eine heilige Messe, gelesen für Kamerateams, Photographen und Journalisten. "Für ein Publikum in Frankreich und im Ausland, das nicht versteht, wovon wir sprechen", sagt Pierre Bergé, der langjährige Geschäftsführer von Yves Saint Laurent.

Das Couture-Haus Yves Saint Laurent empfängt seine Kundinnen für das Maßgeschneiderte in einer kleinen Stadtvilla in der Avenue Marceau. Très élégante, die Wände in gebrochenem Weiß, Kanapees, Sessel und Teppichboden in Smaragdgrün. Aber Monsieur B. findet dieses Wort für die Mode und für Dekoration völlig unpassend. "Eleganz ist ein falsches Wort", sagt er. "Es gibt die Eleganz des Herzens. Sonst nichts. Jede Frau trägt Eleganz in sich, aber es ist nicht die Kleidung."

Ist Paris noch Modeweltstadt, Monsieur Bergé? "Nein. Der heute berühmteste Modeschöpfer heißt Yves Saint Laurent. Er ist Pariser. Aber er ist nicht der größte Verkäufer von Prêt-à-porter. Er ist ein Mythos, ein Künstler." Was ihn von den anderen unterscheide, sei seine Integrität. Mode aber ist ein Busineß, und zwar ein ziemlich rauhes. "Die größten Verkäufer heißen jetzt Ralph Lauren, Calvin Klein, Gucci, Prada, Escada, Armani. Also ist die Mode nicht in Paris. Außer ein paar Kleinigkeiten, wie die Tasche von Chanel oder die Uhr von Cartier. Das große Geschäft machen nicht die Franzosen."

Viermal jährlich pilgern fast 2000 Journalisten sowie 400 Photographen und Fernsehreporter an die Seine, um über die Prêt-à-porter- oder Haute-Couture-Kollektionen zu berichten. "Von Mode verstehen die überhaupt nichts", sagt Bergé. "Die einzuladen ist uninteressant. Das ist alles Bluff."

Zur Haute-Couture-Schau bei Saint Laurent werden neben der unvergänglichen Catherine Deneuve und hundert Kundinnen nur einige ausgewählte Modereporterinnen gebeten.

Ganz anders bei Dior und Givenchy - den Häusern, die zur mächtigen Finanzgruppe Louis Vuitton-Moët-Hennessy (LVMH) gehören. Präsident Bernard Arnault, der gern Lady Di zu seinen Empfängen einlud, schätzt hart kalkulierte Shows. Seine teuer abgeworbenen Designer aus London, John Galliano und Alexander McQueen, müssen sich schon was einfallen lassen, damit die Modepresse am Laufsteg nicht gähnt. Die Controller dieser Häuser, deren Busineß nur zufällig die Mode und ihre Nebenprodukte sind, wollen Zuwachsraten in die Computer tippen und Dividende sehen. Tut sich nichts bei den Schauen, wird auch nicht berichtet. Was nicht im Gespräch ist, wird auch nicht verkauft Parfums, Lippenstifte, Seidentücher und Handtaschen der Couturiers bleiben liegen.