KÖNIGSLUTTER-BEIENRODE. - Sonntagsgottesdienst. "Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unseren Wegen", singt die Gemeinde in der mittelalterlichen Kapelle. Drei Konfirmanden, eine Greisin im Rollstuhl, mehr alte als junge Leute. Der Choral klingt dünn. Es fehlt das Harmonium.

Es fehlt der Pastor, der es immer spielte. Der Gemeindepfarrer sitzt im Gefängnis. Der weit über seine Kirchengemeinde hinaus bekannte Theologe Klaus Geyer aus Königslutter-Beienrode, einem 600-Seelen-Dorf im Südosten Niedersachsens, wird beschuldigt, im Juli vergangenen Jahres seine Frau erschlagen zu haben. Ein Laienprediger vertritt ihn beim Gottesdienst, predigt von der Verwurzelung im Glauben, schließt den abwesenden Seelsorger ins Gebet ein, erbittet "für unseren Pastor Kraft und Stärke in den schweren Wochen, die vor ihm liegen". Die Fürbitte scheint allen aus der Seele zu sprechen.

Denn in dem kleinen, grauen Gotteshaus ist wohl niemand, der daran zweifelt, daß Klaus Geyer, seit 22 Jahren Pastor in Beienrode, großes Unrecht geschieht. "Wer ihn kennt, der weiß, daß er das nicht getan haben kann", sagt die Kirchenvorstandsvorsitzende Irmgard Gaßner. "Das ist ein Verbrechen, was die da machen, ganz schlimm. Das ist nie mehr gutzumachen. Ich zweifle an unserer Polizei, am Staat." Von vornherein habe sich die Kripo auf den Ehemann der Erschlagenen eingeschossen, einseitig ermittelt, um den voreilig gefaßten Tatvorwurf zu unterfüttern, klagt die 72jährige, energiegeladene Frau mit dem grauen Zopf, die ihren Pastor schon oft in der Untersuchungshaft besucht hat.

"Er nimmt sich zusammen", sagt sie. "Aber er sieht immer sehr verweint aus."

Kein Wunder. Schwerverbrecher, schimpft die Frau, bekämen in der Weihnachtszeit Gelegenheit zum Einkaufsbummel. Pastor Geyer aber habe seine Zelle nicht verlassen dürfen - eine Zelle, die er noch dazu mit drei Mitgefangenen teilen muß. Wegen angeblicher Suizidgefahr wird dem evangelischen Geistlichen eine Einzelzelle, worauf er als Untersuchungshäftling eigentlich Anspruch hätte, verweigert. Dabei bescheinigen ihm namhafte Freunde wie der Göttinger Landessuperintendent Hinrich Buß, daß Geyer nicht daran denke, aus dem Leben zu scheiden, sondern allen seine Unschuld beweisen will.

Auf dem "Pastorenkamp", einem Feldweg unweit von Braunschweig, soll der 57 Jahre alte Pastor seine vier Jahre jüngere Frau Veronika Geyer-Iwand "in Tötungsabsicht" mit einer Brechstange auf den Hinterkopf geschlagen haben. Da sie noch lebte, habe Geyer sie dann nach Meinung der Staatsanwaltschaft in ein nahe gelegenes Waldstück transportiert und dort so lange mit Schlägen gegen Gesicht und Kehlkopf traktiert, bis sie starb. Einen "ernsthaften Beziehungskonflikt" unterstellt die Anklagebehörde als Motiv. Aussagen, die der Pastor unmittelbar nach seiner Festnahme machte, belasten ihn heute. So gab er an, seit Jahren nicht in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Ein Zeuge aber will ihn dort am Tattag erkannt haben. Auch darüber hinaus haben die Ermittler einen Berg von Verdachtsmomenten zusammengetragen. Erdreste unter den Gummistiefeln des Pastors etwa sollen vom Tatort stammen.

"Alles zusammengesucht", meint die Kirchenvorsteherin Gaßner zur Anklageschrift. "Absurd, konstruiert", beteuert der Beschuldigte, der zwar vom Dienst suspendiert ist, aber weiterhin von der Kirche seine Bezüge erhält. "Bis zu einem endgültigen Urteil gilt für ihn die Unschuldsvermutung", läßt Landesbischof Horst Hirschler verlauten.

Überraschende Entlastung wurde dem Angeklagten jetzt durch einen Bekennerbrief zuteil. "Hallo. Wir haben ende Juli die Frau mit den roten VW Passat Frau Veronika Geyer Iwand tot gemacht", heißt es da in gebrochenem Deutsch. Der anonyme Verfasser bezichtigt sich, die Pastorenfrau gemeinsam mit zwei Komplizen in einem Braunschweiger Parkhaus zusammengeschlagen zu haben. Veronika Geyer-Iwand habe um Hilfe gerufen, als das Trio, scheinbar Osteuropäer, versucht habe, ihr Auto zu knacken.

Zum Beweis seiner Glaubwürdigkeit nennt der Schreiber Details, die öffentlich bisher nicht bekannt waren, zum Beispiel eine "kleine Ferienlektüre" mit Widmungen. "Darüber wird man nicht hinweggehen können", sagt Geyers Anwalt Bertram Börner. Die Staatsanwaltschaft indessen hegt starke Zweifel an der Echtheit des Schreibens. Stutzig macht die Kombination von anspruchsvollen Wendungen und plumpen Rechtschreibfehlern. Gutachter prüfen nun, ob die Tatversion in fehlerhaftem Deutsch möglicherweise von Freunden oder Familienangehörigen vorgetäuscht ist.

An Freunden, die in seiner Not zu ihm halten, scheint es dem Pastor jedenfalls nicht zu fehlen. "In meiner Zelle stehen inzwischen vier gefüllte Leitz-Ordner mit Grüßen und Briefen", teilt Geyer in einem "Brief an die Kirchengemeinde" mit, der Weihnachten, 500mal kopiert, im Kirchspiel verteilt wurde. Auch Prominente ließen es an Zuspruch nicht fehlen. Jan Philipp Reemtsma zum Beispiel schickte ihm sein Buch "Im Keller", Erinnerungen an die eigene Geiselhaft. Über die Todesanzeige für seine Frau hatten Geyer und seine vier Kinder die Klage Hiobs gesetzt: "Du hast dich verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke Deiner Hand." Die Theologin Dorothee Sölle griff dieses Bibelwort in einer Grußbotschaft an den befreundeten Gottesmann auf. "Das Wort ,Ruf-mord' habe ich eigentlich erst jetzt verstanden", schreibt sie. "Bleib stark, der ,Grausame' hat noch eine andere Seite. Ich bete für dich. Deine Dorothee."

Viele Jahre schon kennen sich Klaus Geyer und Dorothee Sölle. Einig in der Absicht, frischen Wind in die oft behäbige Amtskirche zu bringen, gaben sie zum Beispiel das Oppositionsblatt Junge Kirche heraus. Auch sonst beschränkte der Pastor von Beienrode, der zeitweise stellvertretender Superintendent war, seine Aktivitäten nicht auf die vier Dörfer seines Kirchspiels. 1990 wurde er Bundesvorsitzender der Aktion Sühnezeichen. Während des Golfkrieges bot er Landesbischof Hirschler Paroli, der Verständnis für die Kriegsdrohung der USA gegen den Irak geäußert hatte. Von "Skandal" und "gotteslästerlichem Mißbrauch des Gebetes" ist die Rede in einem offenen Brief an den Bischof, den Pastoren des Wolfsburger Kirchenkreises unter Initiative Geyers formulierten.

Beeinflußt von Helmut Gollwitzer war der musikbegeisterte Achtundsechziger viele Jahre bemüht, den christlich-marxistischen Dialog voranzutreiben.

Pazifisten, Sozialisten, Christen unterschiedlicher linker Schattierung aus aller Welt lud der Protestant zum "Beienroder Konvent", zu Friedenskonferenzen und Pfingstcamps in das frühere Zonenrandgebiet.

Schauplatz solcher Begegnungen war das herrschaftliche Anwesen der Pfarrersfamilie, ein ehemaliges Rittergut der Freiherren von Knigge, das Geyers Schwiegervater einst erworben hatte. Der Königsberger Theologieprofessor Hans Joachim Iwand, Mitstreiter des christlichen Nazigegners Karl Barth, hatte Jagdschloß und Park nach Kriegsende gekauft, um versprengten ostpreußischen Pfarrerswitwen einen Alterssitz zu schaffen und in der Tradition der Bekennenden Kirche die Versöhnung mit den Juden und den Völkern Osteuropas voranzutreiben. Seine Tochter Veronika führte die Arbeit im "Haus der helfenden Hände" nach dem Tod ihres Vaters fort.

"Das war eine Power-Frau", schwärmt Rosemarie Tetzlaff, die das Amt der Ortsbürgermeisterin nach dem Tod der Pfarrfrau übernommen hat.

Religionslehrerin an einer Wolfsburger Gesamtschule, Studienleiterin im Amt für Religionspädagogik, Vorsitzende des Vereins zur Förderung von Theresienstadt/Terzin e. V., Verwalterin der Hans-Iwand-Stiftung und damit gleichzeitig Altenheimleiterin - all diese Aufgaben habe sie mit Charme und Schwung übernommen und außerdem noch Zeit gefunden, spontan auf die Nöte von Hilfesuchenden einzugehen. Obdachlose oder Asylbewerber konnten sicher sein, auf dem Gutshof der Pfarrersfamilie Aufnahme zu finden. Auch Jugendfreizeiten, Seminare und Pfarrkonvente fanden hinter den ehrwürdigen Mauern statt.

"Klaus und Veronika Geyer haben das immer partnerschaftlich gemeinsam getragen", sagt Rosemarie Tetzlaff. Daß im übrigen in der Ehe nicht immer eitel Sonnenschein geherrscht habe, ist für sie Privatsache. "Das geht doch niemanden was an." Empörend, was die Presse da alles schreibe über Geliebte und ausschweifendes Sexualleben. "Pastor Geyer hatte vermutlich nur kurze Zeit nach dem Mord Sex mit einer Geliebten - im Schlafzimmer des Pfarrhauses", enthüllte beispielsweise Bild am Sonntag. Der Bericht stützt sich auf Informationen aus der Sonderkommission. Danach sollen in der Bettwäsche des Pastorenhauses frische Spermaspuren Geyers und Körperflüssigkeiten einer unbekannten Frau festgestellt worden sein. Das Bild vom Lustmolch im Talar, vom Doppelleben des Gottesmanns, wird seither fröhlich ausgemalt.

Daß die Ehe gestört war, daß der Pastor Seitensprünge nicht scheute, seine eigenen hochgesteckten ethischen Ansprüche nicht immer selbst erfüllte, sich mit seinen Geliebten sogar auf Spaziergängen zeigte, ist in Beienrode ein offenes Geheimnis. Daraus allerdings ein Mordmotiv abzuleiten erscheint allen abwegig. Veronika Geyer, so wird erzählt, habe ja schon seit Jahren von den "Verhältnissen" gewußt. "Von Scheidung war nie die Rede, ja nicht einmal von Trennung", sagt Anwalt Börner.

Ganz unbeschwert haben beide an jenem Freitag im Juli gewirkt. Am Montag wollten sie in die USA fliegen. Die Tickets für den Flug nach Salt Lake City lagen bereit. Geyer sollte den Sohn seiner Schwägerin taufen. Danach wollten beide mit dem Auto durchs Land reisen.

Veronika Geyer fährt nach Braunschweig, geht in eine Boutique, in ein Haushaltswarengeschäft, ins Reisebüro, kauft Konfekt. Allen erscheint sie heiter, voller Vorfreude. Nachmittags um 15.30 Uhr will sie sich in der Stadt mit ihrem Mann treffen. Doch sie kommt nicht. Am Abend gibt Geyer daher eine Vermißtenanzeige auf. Am nächsten Tag schaltet er die Braunschweiger Zeitung ein, äußert den "Verdacht auf ein Verbrechen".

Am Montag schließlich bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen, die der Pastor auch schon im Rundfunk geäußert hat: Ein Jagdaufseher findet die Leiche der Vermißten im Wald - "das Gesicht voller Wunden, Zähne, Augen, alles eingeschlagen", berichtet der Mann. Am nächsten Tag wird Klaus Geyer festgenommen.

"Absurdistan" nennt der Angeklagte in seiner Weihnachtsbotschaft das "Jammertal", das er seither zu durchwandern hatte. "So sehr ich auch um die Abgründe des Menschen, auch meine eigenen, weiß, so absurd, bösartig, ja mörderisch begegnet mir der Tatvorwurf des Totschlags." Niemals, beteuert der Pastor, habe er sich während seines dreißigjährigen Ehelebens vorstellen können, "auch nur die Hand gegen meine Frau zu erheben". Verletzt auch von halbherzigem Kollegenzuspruch, "diplomatischem Gerede, das vielleicht noch ,brüderlich' daherkommt, in Wirklichkeit aber jede Solidarität und brüderliche Nähe vermissen läßt", macht Geyer aus seiner Verzweiflung kein Hehl: "Die gemeine öffentliche Verdächtigung frißt wie ein Krebsgeschwür, zerstört und verunsichert."

Vom 2. Februar an soll ihm vor dem Landgericht in Braunschweig der Prozeß gemacht werden. Fünfzig Zeugen sind schon jetzt geladen. "Das wird sehr schwierig", meint Anwalt Börner. Eine harte Zeit - nicht nur für den Angeklagten, sondern vor allem auch für seine Kinder, die ihre Mutter verloren haben und außerdem noch erleben müssen, wie nun der Vater als Mörder dasteht. Die beiden jüngsten, der Abiturient Johannes und die Studentin Anca, sind allein zurückgeblieben im Pfarrhaus von Beienrode - da, wo vor kurzem noch das Leben pulsierte.