Immer wieder ist der britischen Deutschlandpolitik im 19. Jahrhundert der Vorwurf gemacht worden, sie sei in den Jahren vor der Reichsgründung von 1871 der preußischen Expansions- und Kriegspolitik nicht entschieden genug entgegengetreten. Erklärt wurde dieses vermeintliche Versagen mit dem Niedergang von Englands Weltmachtposition, der sich bereits zu diesem Zeitpunkt angekündigt habe.

Genau dies aber trifft nach Ansicht des Bonner Historikers Klaus Hildebrand nicht zu. Pax Britannica war für die einzige Weltmacht des 19. Jahrhunderts immer noch ein erstrebenswertes Ziel. In einem weit ausholenden Panorama wird eindrücklich vorgeführt, wo überall in der Welt die britische Politik engagiert war. Innenpolitisch stand neben der großen Wahlrechtsreform nach erbittertem Streit auch die irische Frage an. Da verwendete, ja verschwendete man angesichts der Überbürdung nicht allzuviel Zeit und Energie auf kontinentale Fragen.

Überdies wurde das bonapartistische Frankreich unter Napoleon III. zu jener Zeit als weitaus bedrohlicher angesehen als Preußen. Paradoxerweise stärkte die Zunahme von Preußens Macht durch die Kriege von 1864 um Schleswig-Holstein und um die deutsche Vorherrschaft mit Österreich 1866 die britische Position noch einmal beträchtlich: Ein Gegengewicht gegenüber Frankreich war geschaffen, das durchaus im britischen Interesse lag. 1866 schrieb der britische Außenminister Lord Stanley: "Wir haben jedoch gar nichts zu fürchten: Frankreich hat einen neuen Rivalen, und in seinem Gegensatz zu einem vereinten Deutschland, das offensichtlich zu erwarten ist, werden unsere eigene Sicherheit und Ruhe liegen."

Hierin liegt ein wichtiges Ergebnis von Hildebrands Darstellung: Die Briten waren nicht zu schwach, sondern eher zu stark, als daß sie sich einmischen mußten. Sie konnten gelassen ansehen, was sich auf dem Kontinent tat, mahnten gelegentlich zu Frieden und Ausgleich, stellten sich in der Luxemburg-Krise von 1867 auch widerwillig als Vermittler zur Verfügung und gaben hierbei sogar eine halbe Garantie ab. Die weltweiten Interessen behielten Vorrang.

Es gab darüber hinaus eine enge Verflechtung von Innen- und Außenpolitik, die Überzeugung, daß das Wohlergehen des Handelsstaates England wesentlich von einer Evolution des inneren Systems abhinge. Ähnliches unterstellt man auch den kontinentalen Staaten. Und auch hier schien Preußen auf dem Weg zur deutschen Einheit weiter zu sein als Frankreich. Insbesondere Otto von Bismarck, dessen gelegentlich ruppige Ausdrucksweise die Briten konservativer wie liberaler Prägung nicht schätzten, erwies sich als ein berechenbarer Mann, der die gegebenen Situationen mit Augenmaß ausnutzen konnte und mit Geduld an die deutsche Einigungsfrage heranging.

Ein zweites bedeutendes Ergebnis der Arbeit ist der Nachweis, wie sehr sich die politischen Leitvorstellungen in London und in Berlin unterschieden. Im Jahr 1870 kam der britische Außenminister Lord Clarendon auf die Idee, bei Bismarck wie bei Napoleon III. zu sondieren, ob diese beiden Staaten nicht ihre Rüstungen reduzieren wollten, um auf diese Weise Spannungen abzubauen und die Ruhe auf dem Kontinent zu wahren. Zugrunde lag die Erwartung, auch in Preußen würde man diese Gelder gern sparen, denn eine zunehmend liberalere Öffentlichkeit werde sich ebenso wie London dieser Ersparnisse erfreuen und damit der Regierung ein Problem wegnehmen.

Genau dies traf aber in Bismarcks Sicht nicht zu, wie er scharfzüngig erwidern ließ: Die Briten würden ja auch einen preußischen Appell zur einseitigen Abrüstung der britischen Flotte nicht goutieren. Die Nachbarschaft zu Frankreich, zu Österreich-Ungarn, zu Rußland ließ für Preußen eine solche Maßnahme als zu riskant erscheinen. So versandete die Initiative noch vor dem deutsch-französischen Krieg. Das optimistische britische Modell eines liberalen und friedlichen Handelsstaates wird von Hildebrand scharf mit dem kontinentalen Machtansatz Preußen-Deutschlands kontrastiert, wo auch liberale Strömungen einem aggressiveren Handeln nicht abgeneigt waren.