Am Morgen des 22. Juni 1941 eilte ein vierzehnjähriger Junge durch die Straßen seiner deutschen Stadt. Es war Sonntag, aber Erfurt schlief nicht mehr. Eine Unruhe hatte sich der Stadt bemächtigt. Am Bahnhof fand der Junge sich bereits erwartet von etlichen Kameraden, die die Nachricht schon kannten. Sie fuhren trotzdem nach Berlin, wo heute nachmittag das Endspiel um die großdeutsche Fußballmeisterschaft steigen würde: Rapid Wien gegen Schalke 04.

Schalke war des Jungen Herzverein, die große vergötterte Mannschaft von Fritz Szepan und Ernst Kuzorra. Das Olympiastadion hatte sich bis an den Rand gefüllt, die Sonne sengte, als Rolf Wernicke, Deutschlands berühmtester Sportreporter, über die Lautsprecher ein flammendes Pamphlet auf Führer und Wehrmacht verlas. SIEG HEIL! schrien die achtzigtausend und sprangen auf.

Schalke stürmte, Schalke traf, Schalke führte 3 : 0. Rapid vergab einen Elfmeter durch Bimbo Binder, seinen Star, der danach drei Tore schoß. Rapid Wien siegte 4 : 3. Der Junge floh aus dem Stadion. Schluchzend fuhr er durch die fremde Stadt, zum Anhalter Bahnhof, nach Erfurt zurück.

Dort lebt er noch heute, Wolfgang Hempel, der Richard Wagner der DDR-Fußballreportage. Acht Weltmeisterschaften hat Hempel übertragen, auch Westdeutschland gegen Ungarn 1954 aus dem Berner Wankdorfstadion, doch kein Spiel in seinem ganzen Leben, sagt er, habe ihn derart erschüttert wie jenes Berliner Finale, das sich im nachhinein als ein geschichtsphilosophisches Exempel erwies. Daß im Morgengrauen dieses Tages Hitlerdeutschland die Sowjetunion überfallen hatte, ging an dem Jungen völlig vorbei. Aber Schalke hatte die Meisterschaft verspielt, deshalb befestigte sich der 22. Juni 1941 im Herzen des Kindes doch noch als der fürchterliche Tag, der er in Wahrheit war.

In Wahrheit? So wäre, was die Wiener jubeln ließ, falsch gewesen? Das hängt davon ab, wonach wir fragen - nach der großen Allgemeingeschichte oder nach der kleinen, die dem einzelnen widerfährt. Beide stimmen ziemlich selten überein. Deshalb tut die kleine Geschichte die große gern als Propaganda ab und die große die kleine als persönlichen Kram. Und wäre doch froh, wenn sie dem Menschen so nahe käme.

Wir wollen versuchen, ein Chamäleon zu fangen, die sogenannte Ost-Identität.

Mit der großgeschichtlichen Betrachtung ist da wenig zu machen. Die Ost-Identität hat ihre Großgeschichte glücklich hinter sich und darin gelernt, sich nach Echsenart zu verhalten. Sie entschlüpft. Sie verwahrt sich, gegen westliche Dominanz. Sie wechselt die Farbe. Sie kann sich heimatkundlich geben, kerndeutsch, sozialistisch oder einfach stur. Sie liest in der Gauck-Behörde Stasi-Akten und wählt die PDS. Sie läßt Manfred Stolpe "meine Brandenburger" sagen und sich wundern, daß sich diese Seinen trotz Befehls nicht mit Berlin verehelichen mögen, vor allem nicht mit Westberlin.