Am 13. Dezember 1937 eroberten japanische Truppen Nanking, die chinesische Hauptstadt. In den folgenden Tagen wurde der Siemens-Kaufmann John Rabe Zeuge von unvorstellbaren Kriegsverbrechen: "Aus dem Justizgebäude, in welchem wir etwa tausend entwaffnete Sodaten untergebracht haben, werden an die 400 bis 500 Leute gefesselt davongetrieben. Wir nehmen an, daß sie erschossen wurden, da wir verschiedene MG-Salven hörten. Wir sind starr vor Entsetzen über dieses Vorgehen." Rabe, der diese Beobachtungen in sein Tagebuch eintrug, ahnte bereits die ganze Dimension des Schrecklichen, die sich mit dem Massaker von Nanking verbindet: "Die Leiche eines kleinen Jungen von etwa sieben Jahren wies vier Bajonettwunden auf, davon eine von etwa Fingerlänge in der Magengegend. (...) Derartige Grausamkeiten dürfen nicht verschwiegen werden", notierte er am Heiligabend 1937. Doch einflußreiche Japaner hörten nicht auf den Deutschen. Und auch heute noch verharmlosen konservative Historiker im Tennoreich die Untaten der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg. Für die Schandtaten, von denen John Rabe berichtet, hat sich die japanische Regierung bisher nicht explizit entschuldigt.

Erwin Wickert, der ehemalige deutsche Botschafter in China, hat die erst vor kurzem wiederentdeckten Tagebücher Rabes gleich in vier Ländern (Deutschland, Japan, China, USA) herausgegeben. Vor allem der Titel der japanischen Ausgabe ist vielsagend: "Die Wahrheit von Nanking". In der ebenso nüchternen wie detaillierten Beschreibung der japanischen Kriegsverbrechen liegt der aufklärerische Wert dieser Edition. Zwischen Peking und Tokio stände vieles zum Besseren, wenn darüber heute in japanischen Schulbüchern mehr zu lesen wäre.

Wickert hat in seinem Nachwort eine Chance vertan: Statt die Tagebücher zum Anlaß zu nehmen, um über die komplizierte Geschichte der chinesisch-japanischen Beziehungen nachzudenken, präsentiert er den "guten Deutschen von Nanking". Man soll Gefallen finden an der Rolle dieses Mannes, der etlichen Chinesen das Leben rettete. Gewiß, Rabes Verdienste sind außerordentlich: Er beherbergte allein auf seinem Grundstück 600 Chinesen, die so ihren Mördern entkamen. Dennoch reicht diese "deutsche" Perspektive des Nanking-Massakers nicht aus, wenn man den Stellenwert des aus chinesischer Sicht schlimmsten japanischen Kriegsverbrechens verstehen will.

Erwin Wickert (Hrsg.): John Rabe Der gute Deutsche von Nanking Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1997 448 S., Abb., 48,- DM