Im Juli 1933 prügeln SA-Männer 300 Nürnberger Juden in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett. Ein Lastwagen karrt die Männer zu einem Sportplatz, wo sie niedergeknüppelt und gezwungen werden, "auf dem Boden liegenden Hundekot zu lecken". Spätabends kommen die Gepeinigten wieder auf freien Fuß, freilich unter der Auflage, kein Sterbenswörtchen zu verraten.

Leo Katzenberger hält sich daran und schweigt. Insgeheim hofft er vielleicht, daß es schlimmer nicht kommen wird. Bald aber erkennt der stellvertretende Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, daß die Fäkalienfolter bloß ein barbarisches Vorspiel war, der Auftakt zur allgemeinen und gnadenlosen Menschenhatz. Denn Katzenberger stürzt über eine Intrige, die weder Hitlers Henker noch Himmlers Häscher, sondern seine eigenen Nachbarn eingefädelt haben - allesamt brave, pflichtbewußte und aufrechte Nürnberger Bürgersleute.

Das Verbrechen dieser biederen Saubermänner dokumentiert Christiane Kohl in ihrem bemerkenswerten Buch "Der Jude und das Mädchen". Die Spiegel-Redakteurin beleuchtet darin sowohl jenen Terror von unten, dem Katzenberger zum Opfer fiel, als auch das Vernichtungskartell aus Mitläufern und Blockwarten, Beamten und NS-Bonzen. In trauter Komplizenschaft säuberten "Arier" aller Schichten ihr fränkisches "Schatzkästlein" von "jüdischen Parasiten", um sich hernach hemmungslos über erpreßte Schmuckschatullen und Immobilien, Betriebe und Wohnungen herzumachen. Später befiel die Profiteure und Denunzianten freilich eine Art kollektiver Amnesie, die offenbar bis heute nachwirkt. "Verdrängen, verschieben, verweigern" lautete die Wirtschaftswunderparole, und mit den Bombentrümmern verschwanden fürs erste auch die hochnotpeinlichen Affären à la Katzenberger von der Bildfläche.

Das mörderische Komplott gegen den Schuhgroßhändler haben seinerzeit dessen eigene Mieter geschmiedet. Katzenbergers Firma sitzt damals im Hinterhof eines Hauses am Rande der Nürnberger Innenstadt. Das Vordergebäude beherbergt mehrere Parteien, darunter seit 1932 auch Irene Scheffler, eine lebenslustige Photographin. Indes vermuten die übrigen Bewohner alsbald, daß der Familienvater die flotte Mittzwanzigerin poussiert. Man tuschelt miteinander im Treppenhaus, spioniert den beiden hinterher und sammelt fleißig Beweise.

Ob Irene Scheffler mit Geschenken nach Hause kommt, ob Katzenberger sie besucht und später Blumen in ihrem Fenster stehen, von nun an muß alles als Indiz der "Rassenschande" herhalten. Die Schnüffler lassen auch nicht locker, als die Photographin 1939 heiratet und auszieht. Im März 1941 wird Katzenberger schließlich verhaftet, ein Jahr später steht er gemeinsam mit Irene Scheffler vor Gericht. Beide schwören, nur gute Freunde zu sein - umsonst. Gegen das giftige Gewäsch der ehrenwerten Hausgemeinschaft kommen sie nicht an. Gestützt auf die hanebüchenen Aussagen dieser "Zeugen", fällt Blutrichter Rothaug samt Beisitzern das Urteil: Leo Katzenberger wird im Juni 1942 hingerichtet, seine Mitangeklagte muß für zwei Jahre ins Zuchthaus.

Bei Kriegsende ist Katzenbergers weitläufige Verwandtschaft nahezu ausgelöscht. Von den einst 10 000 Nürnberger Juden haben zwanzig in ihrer Heimatstadt überlebt. Wie überall kommen die meisten Täter davon.

"Verdrängen, verschieben, verweigern" - wer Christiane Kohls Buch gelesen hat, wird die schamlose Entsorgung der Vergangenheit einmal mehr als zweite Schuld begreifen.