PÖRKSEN: Nicht direkt. Meine These ist, daß der Lebensvollzug eines Menschen stets auch ein Moment der Zerstörung enthält. Immer werden die Entfaltungsmöglichkeiten anderer Wesen vernichtet.

VON FOERSTER: Allerdings bezieht sich mein ethischer Imperativ nicht auf die Möglichkeiten eines einzelnen Wesens, eines einzelnen Menschen oder eines einzelnen Blumenkohls, sondern auf die Vielzahl der Möglichkeiten für das Universum. Das ist gemeint. Und selbstverständlich könnte ich jetzt sagen: Wenn ich den Blumenkohl esse, dann kann ich ein schönes Gedicht schreiben, das - wenn ich verhungern müßte - nicht zustande käme. Ich habe also dem Blumenkohl die Gelegenheit gegeben, ein schönes Gedicht zu erzeugen. Aber das ist natürlich eine Ausrede.

PÖRKSEN: Wie würden Sie antworten, wenn Sie nicht diese Ausrede verwenden?

VON FOERSTER: Ich würde nach einer anderen Ausrede suchen im übrigen genieße ich das sehr, wie Sie meinen ethischen Imperativ ad absurdum führen. Das zeigt doch, daß alle Aussagen nur eine endliche Reichweite besitzen. Alles, was ich will, ist, dazu aufzufordern, die Vielzahl der Möglichkeiten zu bedenken: Wir sind frei zu wählen, wir sind frei, uns zu entscheiden. Es gibt nicht irgendeine absolute Wahrheit, die einen zwingt, die Dinge so und nicht anders zu sehen, so und nicht anders zu handeln.

Folgende Publikationen geben einen Einblick in Leben und Werk von Heinz von Foerster: "KybernEthik", Merve Verlag "Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke", Suhrkamp Verlag "Das Auge des Betrachters. Festschrift für Heinz von Foerster", Piper Verlag.

Das hier abgedruckte Gespräch wird im April in leicht erweiterter Form erscheinen im Interviewband Heinz von Foerster/Bernhard Pörksen: "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 192 S. 32,- DM.