Edmund Stoiber, der Ministerpräsident, konnte es gar nicht abwarten - er drückte den Startknopf zu früh. Wieder haben seine Bayern die Zeichen der Zeit erkannt und innerhalb von nur sechs Monaten einen neuen Fernsehkanal ins Leben gerufen. BR-alpha heißt das jüngste Medienkind und soll der Verdummung auf der Mattscheibe entgegenwirken. Zum Sendeauftakt war viel von "Zukunftssicherung", von "Sinnstiftung" und "Wertorientierung" die Rede.

Der neue Bildungskanal ist seit dem 7. Januar über Satellitenschüssel (Astra 1B) zu empfangen und hat gleich die Konkurrenz aufgeschreckt. Die Privaten argwöhnen, unter dem Mäntelchen des "Bildungsauftrages" wolle der Staatsfunk nur seine Expansionsbestrebungen verbergen. Derweil ärgern sich die anderen ARD-Anstalten darüber, daß die Bayern mit ihrem neuen Kanal nicht nur die Gebühren in die Höhe treiben, sondern sich auch noch über den gemeinsamen Programmaustausch in den dritten Programmen der ganzen Republik bedienen dürfen.

Denn was bei BR-alpha die insgesamt sechs Mitarbeiter (in vier Zimmern) vollmundig als "echten Mehrwert für die Zuschauer" bezeichnen, ist zumindest heute noch eher ein Verwertungskanal für gut abgehangenes Archivmaterial vom "Telekolleg" bis zu den Sprachkursen. Nur etwa fünfzehn Prozent aller Sendungen des Vollprogramms sind eigene Produktionen, darunter das Kernstück "Alpha-Forum", das täglich zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird: Wissenschaftler, Künstler und Zeitzeugen im dreiviertelstündigen Zwiegespräch.

Die neue "Heimvolkshochschule" aus Bayern bietet zu ihrem Programm einen ungewöhnlichen Service. Über Videotext und über das Internet werden Zusatzinformationen zu etlichen Sendungen angeboten. Spricht beispielsweise der Religionswissenschaftler Eugen Biser über das Verhältnis von Christentum und Islam, sendet BR-alpha online (http://www.br-alpha.de) gleichzeitig Lebensdaten des Referenten und Bücherlisten zum Thema samt Vortrag in Kurz- und Langversion.

Bald werden sogar die bayerischen Universitäten und Hochschulen Vorlesungen frei Haus liefern. Wenn erst die Hörsäle mit Fernsehequipment ausgestattet sind, können Vorlesungen preiswert ins Programm gespult werden. Niemand muß mehr wegen Überfüllung vor der Türe bleiben.

Der knappe Etat (22 Millionen Mark für das ganze Jahr) läßt nicht viel Spielraum. Doch was nicht ist, kann noch werden. Redaktionschef Werner Reuß will den Eigenanteil langsam steigern. Die Beiträge dafür sollen von den übrigen Redaktionen im Hause geliefert werden. Immerhin frißt die Satellitenmiete mit elf Millionen Mark im Jahr schon die Hälfte des Geldes auf.

BR-alpha drängt darum auch ins Kabelnetz. Denn bislang können sich nur die Zuschauer von elf Millionen Satellitenhaushalten in Deutschland auf alpha weiterbilden.