Schlagzeilen wie diese gab es in den vergangenen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit: "Chaos in der Kulturstadt", "Weimar ist pleite" oder gar "Weimar droht Deutschland zu blamieren".

Weimar hatte sich um den Titel "Kulturstadt Europas 1999" bemüht und dabei attraktive Mitbewerber wie das Städtepaar Nürnberg/Krakau aus dem Feld geschlagen. Die Stadtväter jubelten - und damit schien ihre Energie auch schon verbraucht.

Die Entscheidung zugunsten der Stadt Goethes, Schillers, Herders, Wielands und mancher anderer Geistesheroen fiel im Herbst 1993. Doch statt konzentriert mit der Planung zu beginnen, befehdeten sich die Parteien im Rathaus. Das Stadtoberhaupt Klaus Büttner, ein aus Fulda importierter CDU-Mann, betrieb Politik nach Wessi-Art und machte in erster Linie gewaltige Schulden. Allein 1994 leistete sich Weimar, in dem einmal ein fürstlicher Finanzminister namens Goethe amtierte, einen Haushalt, in dem rund fünfzig Millionen Mark fehlten - ein Viertel der Ausgaben. Eilends depeschierte die Landesregierung einen Aufpasser ins Rathaus.

Nach der Kommunalwahl im selben Jahr übernahm Volkhardt Germer ("Weimar den Weimarern") das Ruder im Rathaus, als einstige SED-Größe stadtbekannt. Zur Produktion von Ideen für das Kulturprogramm des Jubeljahres gründeten Stadt, Land und Bund die Weimar 99 GmbH. Doch es blieb bei Debatten. "Es haben einfach zu viele Leute geschlafen", heißt es heute in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Energisch angepackt wurde die Planung erst spät im Jahr 1996.

Dabei war der Gedanke ganz geschickt, die dringend sanierungsbedürftige Stadt für ein europäisches Projekt aufzumöbeln. Dafür gibt es Geld aus vielen Töpfen, aus eigenen Mitteln hätte die 60 000-Seelen-Gemeinde das nie geschafft. Denn ihre ohnehin schwache Wirtschaftskraft hat durch die Wende weiter gelitten. Vom Landmaschinenbau mit einst 10 000 Beschäftigten ist nicht viel übriggeblieben, auch Uhren und Robotron-Computer kommen nicht mehr aus Weimar.

Der Tourismus bringt zwar jährlich annähernd zwei Millionen Besucher in die Stadt, trägt aber nicht mehr als zehn Prozent zur Weimarer Wirtschaftskraft bei. Die Besucher aus aller Welt haken die Sehenswürdigkeiten im Eilschritt ab, bleiben nicht einmal zwei Tage und geben pro Tag und Nase mickrige 15 Mark aus. So sind die örtlichen Hotels mit ihren 3000 Betten nur zu 37 Prozent ausgelastet. Die Folge der Strukturschwächen: eine Arbeitslosenquote von 15 Prozent.

Also ging Weimar - mit der Fahne Europas in der Hand - Geld sammeln. Wieviel zusammenkommen muß, darüber herrscht noch keine Klarheit. Aber gut eine Milliarde Mark wird es schon kosten, um Weimar für 1999 fit zu machen und dann noch ein passables Programm zu bieten. Aus der Brüsseler EU-Schatulle gab es gerade mal eine halbe Million Mark, quasi zur Ermunterung. Zweihundert Millionen steckt die Stadt in Baumaßnahmen, ein Mehrfaches steuert das Land Thüringen bei, der Bund hält sich vornehm zurück. Schätzungsweise zwei Drittel der Gesamtsumme gehen in Städtebau und Infrastruktur - und das wird den Bürgern von Weimar nach dem Jubeljahr bleiben.