Die Kasbah ist Algiers heißestes Viertel. Hier, mitten in der Stadt, haben die Islamisten die meisten ihrer Rückzugsbasen. An der Farrés-Moschee wirkt unsere Eskorte plötzlich nervös - angespannte Gesichter, Maschinengewehre auf die Balkone gerichtet, zwei Scharfschützen postieren sich auf beiden Seiten der Kreuzung. Wieder Gassen, Treppen, ein Gewirr von Häusern, die es im Sturmschritt zu durcheilen gilt. Die Kontrolle durch Polizei und Militär wirkt ausgesprochen diskret. Man hat nicht das Gefühl, daß dieses alte Halsabschneiderviertel überwacht wird; mit bloßem Auge sind die Spuren des Krieges nicht zu sehen. Seltsam!

"Der Terrorismus in der Kasbah ist fast vernichtet", sagte mir Chérif Rahmani, der Gouverneur von Algier. Ich antwortete: "Wenn die Kasbah so sicher ist, warum gehen Sie nicht mit uns hinein?" Der Gouverneur zögerte, holte Informationen ein und erfuhr, daß die Gendarmen gerade das El-Harrach-Gefängnis durchkämmen, es könnten uns also nur seine Leibwächter begleiten. Zudem macht sich ein Magistrat mit mir auf den Weg durch die verbotene Stadt: ganz sicher kein täglicher Spazierweg für ihn. Die Bewohner sind verblüfft, als sie ihn sehen. An der Kreuzung M'Hamed Chérif umgibt uns eine mißtrauische, aber nicht wirklich feindliche Menge.

In ganz Algerien können Journalisten im Prinzip keinen Schritt ohne Eskorte tun. In diesen zehn Tagen habe ich genug Gelegenheit, mit meinen vier "Ständigen" zu reden. Ich kann sie zu dem Zugeständnis bewegen, daß selbst der niederträchtigste islamistische Mörder das Recht auf einen Prozeß und eine angemessene Behandlung im Gefängnis hat. Es gelingt mir sogar, ihnen klarzumachen, daß ihre Lust am Stadtrodeo abscheulich, äußerst gefährlich und vor allem nutzlos ist. Sie rasen über rote Ampeln, fahren auf dem Bürgersteig und durch Regenpfützen - kurz, sie terrorisieren Passanten. Was aber den Terrorismus angeht, da erschüttert sie nichts - weder die Massenmorde auf dem Land noch die eskalierende Bestialität: "Terrorismus? Aber es gibt keine Terroristen in Algerien, nur kleine Gangster. Algier ist wie Paris! Wie Neapel! Auch wir haben unsere kleinen Gangster!"

Meine Schutzengel wissen offenbar nicht, wer "Commandant Azzedine" ist. Er ist ein Held des Befreiungskrieges. Hingegen sind sie beeindruckt, daß ich einen Termin im höchst eleganten "Club des Pins" bekomme. Es ist acht Uhr abends. Die Walkie-talkies rauschen, und auf geht es, mit hohem Tempo über eine Autobahn. Die Straße ist wie leergefegt. Beschnittene Johannisbrot- und Eukalyptusbäume. Am Rand von Algier überholen wir einen großen Militärkonvoi. Ein weiterer steht an der Gabelung der Route de Cheraga: Ich zähle etwa zehn mit Planen bedeckte Lkw, drei oder vier Bulldozer vor der dunklen Masse eines Waldes, woraus ich schließe, daß er durchkämmt werden soll.

Der "Club des Pins", zwanzig Kilometer westlich von Algier am Meer gelegen, gleicht einem befestigten Lager mit seinen Falltoren und Straßensperren, seiner hohen ockerfarbenen Außenmauer, seinen Straßenlaternen, die ihn taghell erleuchten. Hier leben die Privilegierten des Systems.

Commandant Azzedine: Sie wollen uns als Spießbraten verspeisen

Commandant Azzedine bewohnt eine von zweihundert "italienischen" Villen. Sie ist hübsch, aber bescheiden. Er empfängt uns zu Hause. Azzedine hat sich seit unserem letzten Treffen vor acht Jahren kaum verändert. Immer noch derselbe furchterregende und verbeulte Kopf eines alt gewordenen Haudegen. Immer noch das gleiche Ungestüm, der gleiche gespielte Zorn. Immer noch schlägt er mit der Faust auf den Tisch und rollt wütend mit den Augen, um seine Worte zu unterstreichen. "Sie wollen wissen, was in Algier los ist?" donnert er. "Die Bärtigen sind an der Macht. Ja, ja, gucken Sie nicht so erstaunt. Auf die gesetzmäßigste Weise der Welt haben sie die Macht übernommen, denn Zeroual hat der Hamas sechs oder sogar sieben Ministerposten überlassen." Als ich ihn frage, ob die Einbindung der gemäßigteren Islamisten nicht unvermeidlich war, sagt er: "Es gibt keine gemäßigten Islamisten. Der einzige Unterschied zwischen den ,harten' und den ,gemäßigten' besteht darin, daß die einen uns als Mechoui, als Spießbraten, und die anderen als Tajine, als Fleischtopf, verspeisen wollen."