Die Kasbah ist Algiers heißestes Viertel. Hier, mitten in der Stadt, haben die Islamisten die meisten ihrer Rückzugsbasen. An der Farrés-Moschee wirkt unsere Eskorte plötzlich nervös - angespannte Gesichter, Maschinengewehre auf die Balkone gerichtet, zwei Scharfschützen postieren sich auf beiden Seiten der Kreuzung. Wieder Gassen, Treppen, ein Gewirr von Häusern, die es im Sturmschritt zu durcheilen gilt. Die Kontrolle durch Polizei und Militär wirkt ausgesprochen diskret. Man hat nicht das Gefühl, daß dieses alte Halsabschneiderviertel überwacht wird; mit bloßem Auge sind die Spuren des Krieges nicht zu sehen. Seltsam!

"Der Terrorismus in der Kasbah ist fast vernichtet", sagte mir Chérif Rahmani, der Gouverneur von Algier. Ich antwortete: "Wenn die Kasbah so sicher ist, warum gehen Sie nicht mit uns hinein?" Der Gouverneur zögerte, holte Informationen ein und erfuhr, daß die Gendarmen gerade das El-Harrach-Gefängnis durchkämmen, es könnten uns also nur seine Leibwächter begleiten. Zudem macht sich ein Magistrat mit mir auf den Weg durch die verbotene Stadt: ganz sicher kein täglicher Spazierweg für ihn. Die Bewohner sind verblüfft, als sie ihn sehen. An der Kreuzung M'Hamed Chérif umgibt uns eine mißtrauische, aber nicht wirklich feindliche Menge.

In ganz Algerien können Journalisten im Prinzip keinen Schritt ohne Eskorte tun. In diesen zehn Tagen habe ich genug Gelegenheit, mit meinen vier "Ständigen" zu reden. Ich kann sie zu dem Zugeständnis bewegen, daß selbst der niederträchtigste islamistische Mörder das Recht auf einen Prozeß und eine angemessene Behandlung im Gefängnis hat. Es gelingt mir sogar, ihnen klarzumachen, daß ihre Lust am Stadtrodeo abscheulich, äußerst gefährlich und vor allem nutzlos ist. Sie rasen über rote Ampeln, fahren auf dem Bürgersteig und durch Regenpfützen - kurz, sie terrorisieren Passanten. Was aber den Terrorismus angeht, da erschüttert sie nichts - weder die Massenmorde auf dem Land noch die eskalierende Bestialität: "Terrorismus? Aber es gibt keine Terroristen in Algerien, nur kleine Gangster. Algier ist wie Paris! Wie Neapel! Auch wir haben unsere kleinen Gangster!"

Meine Schutzengel wissen offenbar nicht, wer "Commandant Azzedine" ist. Er ist ein Held des Befreiungskrieges. Hingegen sind sie beeindruckt, daß ich einen Termin im höchst eleganten "Club des Pins" bekomme. Es ist acht Uhr abends. Die Walkie-talkies rauschen, und auf geht es, mit hohem Tempo über eine Autobahn. Die Straße ist wie leergefegt. Beschnittene Johannisbrot- und Eukalyptusbäume. Am Rand von Algier überholen wir einen großen Militärkonvoi. Ein weiterer steht an der Gabelung der Route de Cheraga: Ich zähle etwa zehn mit Planen bedeckte Lkw, drei oder vier Bulldozer vor der dunklen Masse eines Waldes, woraus ich schließe, daß er durchkämmt werden soll.

Der "Club des Pins", zwanzig Kilometer westlich von Algier am Meer gelegen, gleicht einem befestigten Lager mit seinen Falltoren und Straßensperren, seiner hohen ockerfarbenen Außenmauer, seinen Straßenlaternen, die ihn taghell erleuchten. Hier leben die Privilegierten des Systems.

Commandant Azzedine: Sie wollen uns als Spießbraten verspeisen

Commandant Azzedine bewohnt eine von zweihundert "italienischen" Villen. Sie ist hübsch, aber bescheiden. Er empfängt uns zu Hause. Azzedine hat sich seit unserem letzten Treffen vor acht Jahren kaum verändert. Immer noch derselbe furchterregende und verbeulte Kopf eines alt gewordenen Haudegen. Immer noch das gleiche Ungestüm, der gleiche gespielte Zorn. Immer noch schlägt er mit der Faust auf den Tisch und rollt wütend mit den Augen, um seine Worte zu unterstreichen. "Sie wollen wissen, was in Algier los ist?" donnert er. "Die Bärtigen sind an der Macht. Ja, ja, gucken Sie nicht so erstaunt. Auf die gesetzmäßigste Weise der Welt haben sie die Macht übernommen, denn Zeroual hat der Hamas sechs oder sogar sieben Ministerposten überlassen." Als ich ihn frage, ob die Einbindung der gemäßigteren Islamisten nicht unvermeidlich war, sagt er: "Es gibt keine gemäßigten Islamisten. Der einzige Unterschied zwischen den ,harten' und den ,gemäßigten' besteht darin, daß die einen uns als Mechoui, als Spießbraten, und die anderen als Tajine, als Fleischtopf, verspeisen wollen."

Ein gemäßigter Islamist? Zufällig treffe ich am nächsten Tag einen in Algier. Es ist noch früh. Ich habe das Hotel verlassen, ohne den Schutzengeln Bescheid zu sagen - ein erster Verstoß gegen die Regel! Ich bin hinuntergegangen zur Place des Martyrs, wo in einem Lädchen mitten in Algier Aufrufe zum Dschihad, zum Heiligen Krieg, Heldenberichte über den Krieg in Afghanistan und eine autorisierte Biographie von Ali Benhadj, dem inhaftierten Islamistenchef, verkauft werden. Dann stehe ich vor der Djama-el-Kebir-Moschee, lungere herum, zögere einzutreten und beobachte die Menge der Gläubigen, wie sie zum Gebet eilen.

Ein komischer Kerl, völlig aufgeregt, kommt auf mich zu: "Was tust du hier? Dies ist der Ort der Muslime. Ausländer haben hier nichts zu suchen." Dann fragt er, ohne Übergang: "Hast du französisches Geld? Komm, wir gehen Fisch essen. Du wirst schon sehen, bei einem Freund meiner Schwester!" So sitze ich denn frühmorgens vor einem Teller mit zu lange gebratenem Fisch in einer Spelunke und höre den erbaulichen Bericht über die Bekehrung von Said und seiner Familie zum "gemäßigten Islamismus": "Mein Viertel war arm. Niemand hatte Arbeit - außer einem Mudschahidin, einem ehemaligen Kämpfer aus dem Unabhängigkeitskrieg, der, als ich noch ein Kind war, in einer Garage illegal einen Fahrradhandel aufmachte. Das ist doch nicht normal, verstehst du? Wenn du jung bist, verzweifelst du daran. Als dann die Bärtigen kamen, als sie in der Moschee gesagt haben, sie würden die Korruption abschaffen, sind wir ihnen gefolgt." Ich versuche, mit ihm über die Massaker zu sprechen: "Das steht nicht im Koran, mein Freund, das ist eine Beleidigung des Korans!"

Eine andere Geschichte: Boubker ist Chauffeur beim staatlichen Sonatrach-Konzern und für die Gäste zuständig. Jahrelang ahnte niemand in seinem Viertel, daß er ein Doppelleben führte: Jeden Abend kam der junge Mann in Jeans und Blouson nach Hause in die Kasbah, tagsüber gab er mit Anzug und Krawatte den Modellangestellten eines Staatsbetriebes ab. Bis es kürzlich einem "hohen Gast" aus Saudi-Arabien in den Sinn kam, sich in der alten Moschee zu sammeln. Boubker parkt den Mercedes, ein paar Straßen von zu Hause entfernt. Er klappt die Sonnenblende herunter, setzt die Sonnenbrille auf und legt sich die Hand übers Gesicht. Er betet, daß ihn nicht zufällig ein Nachbar sieht, in seiner Uniform eines Agenten der Macht und folglich Verräters am Islamismus. Die Zeit vergeht, der Saudi bleibt lange aus. Die Menge um Boubker herum wird immer dichter. Und was er schon seit langem befürchtet hat, tritt ein: Ein Typ lungert am Auto, sieht ihn genau an und geht weg, kehrt zurück, betrachtet ihn wieder, spricht mit einem anderen, geht weg. Seither kann der Chauffeur nicht mehr schlafen. Er geht nicht einmal mehr nachts nach Hause. Nicht daß sein Viertel der AIS oder der GIA besonders gewogen wäre; aber hier ist man eben gegen alles, was von nah oder fern die "Macht" in Algerien symbolisiert. Die Alternative ist klar: Entweder helfe ich ihm, ein Visum für Frankreich zu bekommen, oder er ist ein toter Mann. Man wird ihn eines Morgens mit durchschnittener Kehle vor seinem Haus finden.

AIS und GIA: Das sind auf dem Papier die beiden großen Organisationen, die sich den Einflußbereich des Islamismus streitig machen. Die Islamische Heilsfront (AIS) soll vor der "Waffenruhe" im vergangenen Oktober eher Anhänger gezielter Attentate gegen Intellektuelle oder Beamte gewesen sein: Wenn ihre Mitglieder falsche Straßensperren errichteten, sollen sie mittellosen Bauern das Leben geschenkt haben. Die Leute der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA), heißt es, seien viel barbarischer und für die blinden Massaker der letzten Monate verantwortlich. Sie glaubten, daß Blut zu vergießen, ganz gleich, wessen Blut, der sicherste Weg zu Gott sei. Die Wirklichkeit ist natürlich viel komplexer, vor allem verworrener. Ich habe einen Stoß Flugblätter auf arabisch vor mir, die eine Journalistin einer privaten Tageszeitung gefunden hat. Es sind Fatwas, kurze Texte, vom örtlichen Emir abgezeichnet, die eine "Strafaktion" gegen eine Familie oder das "Todesurteil" eines Lkw-Fahrers verkünden. Die Information ist klar: Diese reinsten Barbaren haben nicht nur ein seltsames Bedürfnis nach "religiöser" Rechtfertigung ihrer Taten, nein, auch Art und Niveau dieser Rechtfertigung haben sich gewandelt. Anfangs kam sie immer von einem großen, nationalen Emir; inzwischen scheint man sich mit der Autorität eines örtlichen Emirs oder eines selbst tief verstrickten Bandenchefs zufriedenzugeben. Es wimmelt nur so von Kommandos. Da bilden sich immer mehr Parallelgruppen, unabhängig voneinander, ohne ein strategisches Oberkommando: Dutzende, vielleicht Hunderte von Brutstätten einer Minimacht und der Vernichtung von Unbeteiligten.

Der Bandenchef: Ich möchte ihn töten, um Gott näherzukommen

Ein Mann namens Hand berichtet: Einer seiner Freunde wird eines Morgens auf dem Weg ins Büro von drei maskierten Männern entführt. Er wird in einen Keller in der Trabantenstadt Eucalyptus gesperrt, Rückzugsbasis für zahlreiche bewaffnete Gruppen im Großraum Algier. Dort läßt man ihn acht Tage hocken, ohne Essen, fast ohne Trinken. Dann sagt der Älteste der Bande zu den beiden anderen: "Ich möchte ihn mit eigener Hand töten, um Gott näherzukommen." Er fragt sein Opfer: "Wie willst du sterben, du Hund? Auf welche Weise willst du getötet werden?" Worauf der völlig erschöpfte "Hund" sich antworten hört: "Ich achte den Willen des Herrn, und jetzt leck mich doch!" Worte der Vorsehung, die den Alten aufspringen lassen: "Vorsicht, Brüder! Er hat gesagt, daß er Seinen Willen achte! Vielleicht ist er ja gottesfürchtig!" Und da im Islam mindestens drei Leute die Gottlosigkeit eines schlechten Muslim bezeugen müssen, jetzt aber nur zwei zur Hand sind, kehrt die Bande nach Algier zurück, stellt in der Nachbarschaft diskrete Fragen, durchsucht die Wohnung nach "Beweisen", findet nichts und läßt den Gefangenen schließlich frei.

Ich weiß nicht recht, wie ich diese Geschichte deuten soll: Inkohärenz? Vielleicht. Manischer Formalismus? Wahrscheinlich. Eine weiter bestehende Religiosität bei den "kleinen" Terroristen an der Basis? Sei's drum. Wobei die allgemeine Tendenz eher eine mafiöse Entwicklung andeutet: Heißt es nicht, daß der "Emir" der Kasbah von Algier weder einen Bart trägt noch das weiße Gewand der Islamisten, das kamis? Und fing er nicht als Taschendieb an, war dann Haschischhändler, der Anfang 1994 zur GIA stieß, nachdem er einen Drogenboß ermordet hatte? - Nein! Diese Geschichte beweist vor allem die Unabhängigkeit jeder Minigruppe.

Bericht von Nadia: Noch niemals hat sie ihre Geschichte erzählt. "Sie hat zu große Angst, daß sie wiederkommen", sagt die algerische Journalistin, die Nadia begleitet. Zu große Angst auch, daß man ihr nicht glaubt. Sie fürchtet, "die Schande der Sippe" geworden zu sein. Sie ist zwanzig Jahre alt, spricht langsam, sehr vorsichtig: Es geschah vor einem halben Jahr. Sie kannte den Anführer, einen Jungen aus dem Dorf, aus Kindertagen. Vor ihren Augen haben sie ihre Mutter vergewaltigt und ihr die Kehle durchgeschnitten. Dann haben sie einen ihrer Brüder entmannt und ihm bei lebendigem Leib die Därme herausgerissen. Anschließend mußte sie zusehen, wie sie ihren Vater mit einer Axt enthaupteten, nachdem er dem Anführer seine Zustimmung zu einer "Ehe für eine Nacht" mit seiner Tochter zugehaucht hatte. Und dann? Ach, dann ... Warum haben sie ihr das angetan, warum wurde sie nicht auch ermordet? "Verheiratet" mit dem Anführer für die ersten beiden Nächte, anschließend von ihm mit zweien seiner Komplizen "verheiratet". Und als auch sie dieser "Ehe" überdrüssig wurden, machten sie sie zur Sklavin, zuständig für die gröbsten Arbeiten im Haus: "Du bist unsere thanima, unsere Beute, uns immer zu Diensten."

Bis sie entdeckten, daß Nadia schwanger war. Da verfügten sie, daß sie nicht einmal mehr gut genug sei, ihnen zu dienen. Sie hätten sie getötet, meint sie, wenn es nicht in jener Nacht Alarm gegeben hätte und ihr im Chaos die Flucht gelungen wäre. Jede Nacht hört sie die Stimme des Mörders: "Stimmst du, unwürdiger Vater, zu, mir deine Tochter zu geben?" Dann: "Zamadjl Moutaa, ich stimme zu, ich, mein Emir, euch dieses Mädchen zu geben." Dieser widerwärtige Formalismus der Verbrechen ist es, der den Beobachter am meisten empört, und die Allmacht eines Psychopathen, der sich selbst zum "Emir" ernannt hat und niemandem mehr Rechenschaft schuldet für seine Greueltaten.

In der Stadt kursiert eine Theorie, sie stammt von Abla Cherif, einer der geachtetsten - und bedrohtesten - Federn der privaten Presse. Danach rekrutieren die Banden ihre Mitglieder aus vier Gruppen der Bevölkerung. In den Schlangen vor Konsulaten werden die Antragsteller für Visa ausgemacht; man verspricht ihnen das wertvolle Dokument. Manchmal erhalten sie es sogar: So werden Personen für die Satelliten der Gruppe im Ausland rekrutiert. Müßiggänger und Arbeitslose lockt man im Namen einer karitativen Organisation, unterstützt sie, hört ihnen zu, macht sich unersetzlich - bis zu jenem Tag, an dem man ihnen erklärt, daß hier die Macht spricht, die unterderhand die Massaker bestellt. Zum Beweis bringt man sie sogar zum Emir. Dort werden sie photographiert und sind so kompromittiert: Komplizen. Unter den Straßenhändlern und Leuten, die kleine Jobs verrichten, guckt man sich denjenigen aus, den der Polizist des Viertels am liebsten drangsaliert. Man wartet ab, bis der Polizist seinen "Tisch" umgeworfen hat, und bietet ihm Ersatz an: So wird der junge Mann ein Gefangener. Vielleicht fährt man auch ihn zum Emir, zufällig in einem gestohlenen Wagen - oder in einem, der bei einem Kommando benutzt und gesehen worden ist. Nun sitzt der junge Mann definitiv in der Falle.

Dann gibt es noch den "Trabendisten", der auf der Suche nach Gelegenheitsjobs an der Mauer lehnt und Augenzeuge eines Attentats wird. Die Polizei befragt ihn. Der Rekrutierer in der Menge der Schaulustigen sieht, daß er verhört wird. Am nächsten Tag kommt er wieder: "Die Brüder wissen, was du gesehen hast. Sie wissen auch, daß du den Bullen erzählt hast, was du gesehen hast. Wenn du nun alles gesehen hättest? Und uns erkannt hättest? Um uns deine Aufrichtigkeit zu beweisen, müßtest du zum Emir gehen, vielleicht einen Botengang machen, uns einen Dienst erweisen ..." Die Sekte spricht die Sprache der Mafia. Es ist die Logik des Organisierten Verbrechens, das die Logik des Glaubens stützt. Darin liegt die Stärke der Terroristen und vielleicht schon ihre Niederlage.

Mit diesen Eindrücken verlasse ich Algier. Der Terror kann wieder zuschlagen, in jedem Augenblick ist die Gefahr da: eine Autobombe auf dem Markt, dem Busbahnhof oder vor den Toren eines Stadions. Doch angesichts einer Bevölkerung, die mit beispielhafter Kaltblütigkeit die Straße wieder in Besitz nimmt, haben die Terrorgruppen die Schlacht in den städtischen Zentren verloren.

Larbâa, Baraki, Ra's: Ganze Sippen werden ausgelöscht

Der Weg nach Larbâa war schön. Man spürt den Wohlstand. Orangenhaine, Weinberge, begüterte Siedlungen, Gersten- und Weizenfelder. Die Cafés im Ort sind gut besucht. Ohne die vielen Schilder "Langsam fahren!" und "Halt! Polizei!", ohne das Panzerfahrzeug vor der Präfektur, die Sandsäcke auf den Dächern läßt nichts auf das Massaker schließen, das hier vor zwei Tagen im Viertel von Djiboulo stattffand. Rechts ein Häuserkomplex, wo Schafe grasen; links eine Gruppe niedriger Häuser, weder Stadt noch Land. Die Aussagen zum Ablauf der Attacke stimmen überein. Kundschafter, vielleicht als Frauen verkleidete Männer, kamen am Vortag, um die Örtlichkeiten diskret auszuspähen. Eine zweite Gruppe verminte am frühen Abend die Hauptzugänge. Eine dritte ging bei den Obstgärten in Stellung. Kurz vor Mitternacht jagte eine vierte Gruppe den Transformator in die Luft, tauchte das Viertel in Dunkelheit und setzte die Sirenen der Häuser außer Betrieb. Eine letzte Gruppe, vorweg ein Traktor mit Anhänger für die Früchte der Plünderung verwüsteter Häuser, brach dann über das Märtyrerviertel herein. Der Angriff lief gezielt ab: ein Haus nach dem anderen; ein Mann bricht die Türen auf, sucht die Frauen, ruft die Männer beim Namen und tötet sie.

Ich trete in das ausgebrannte Haus der Familie Cherif: Von acht schönen Zimmern um einen Innenhof steht nur noch der Werkzeugschuppen, in dem sich Mouloud, der Überlebende, versteckte. Mouloud versteckte sich unter einer Werkbank. Von dort aus konnte er sehen, wie der Mann seinen Vater verfolgte, beschimpfte, ihn bis auf die Schwelle des Hauses schleppte und mit der Axt enthauptete, nur ein paar Meter von ihm entfernt.

Warum diese Verbrechen, wo wieder einmal alles darauf hinweist, daß sie genau geplant waren? Ich wage nicht, diese Frage direkt zu stellen, ich erfahre jedoch, daß Larbâa ein Bollwerk des FIS war. Ich entdecke auch - jedoch erst in Algier, denn im Ort verliert niemand ein Wort über dieses "Geheimnis" - , daß in Larbâa bereits im Sommer 1997 zwei grauenhafte Massaker stattfanden. Dennoch haben die Bewohner dieses sehr armen, kleinen Viertels, das, nahe den Bergen, besonders exponiert liegt, im Oktober die Waffen abgelehnt, die man ihnen anbot. Unter welchen Bedingungen wurden sie angeboten? Und warum hat der Staat immer noch keinen Sicherheitsgürtel um Larbâa gelegt, wohl wissend, daß eine Stadt, die bereits drei Massakern zum Opfer gefallen ist, wahrscheinlich ein viertes erleben wird?

Baraki, ein anderer Ort des Schreckens: Wir sehen die beiden Militärposten, die in der Nacht vom 23. September trotz der Schreie, der Brände und des Lärms, den die Frauen mit ihren armseligen Kochtöpfen veranstalteten, nicht eingriffen. Am Ortsausgang liegt auf freiem Feld eine militärische Sendestation hinter einer hohen Mauer. Im nächsten Ort, in Bentalha, liegt, anderthalb Kilometer vom Ort des Massakers entfernt, ein städtisches Polizeiquartier mit Polizisten, die auf eine schwere militärische Intervention nicht eingerichtet sind. Ich sage dem Offizier in meiner Begleitung: "Ein Soldat hat die Aufgabe, die Zivilbevölkerung zu schützen, was auch geschieht." Doch er verweist darauf, welch ein Unterschied besteht zwischen diesen Posten und den in den europäischen Medien beschriebenen "Kasernen".

Wenn in Frankreich von den Massakern die Rede ist, sieht man verwüstete Viertel, ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Man stellt sich also jedesmal ein algerisches Oradour-sur-Glâne vor; dabei reichen sieben, vielleicht auch acht Häuser aus - der Rest der Siedlung bleibt unberührt -, um den Gipfel des Schreckens zu erreichen. Mit einer Grausamkeit, die eben nicht blind zuschlägt: Familien werden ausgelöscht, nicht ganze Dörfer; man hat es auf die Sippe abgesehen, den genos, nicht den Marktflecken, und weil sich diese Unmenschlichkeit gegen den genos richtet, ist sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Genozid.

Ich gehe zu den zerstörten Häusern von Bentalha. Ich betrachte die zwei- oder dreistöckigen Backsteinbauten. Man spürt den Reichtum der Gemeinde, den Wohlstand der Familien: gute Böden, schöne Grundstücke. Vielleicht herrschte Streit um Baugenehmigungen. Man kann sich das tragische Spiel des Klientelsystems und die Vendetta vorstellen. Zwingt man ein ganzes Viertel zur Aufgabe, indem man ein paar Familien aufs Korn nimmt? Wahrscheinlicher ist, daß es mit dem FIS verbandelte Familien gibt, die von seiner Freigiebigkeit profitierten, als er in den Jahren 1988 bis 1991 unumschränkt über die Gemeinde herrschte. Und dann, eines schönen Tages, hat ein Familienvater genug davon, den Zehnt zu bezahlen, oder er bemerkt, daß sich der Wind dreht und seine Vasallentreue riskant werden könnte, oder auch, daß er der AIS gegeben hat, während er die GIA hätte unterstützen müssen.

Da gibt es den "Fall Nassera": Die Islamistin kehrte am Abend vor dem Geschehen in ihr Viertel zurück, um die zu schleifenden Häuser zu benennen, und raubte den ermordeten Frauen beim Massaker ihren Schmuck. Sie erscheint als ein Paradebeispiel dieses mafiösen Terrorismus.

Noch ein Ort des Massakers: Ra's, immer noch im selben Dreieck des Todes. Letztlich liegen alle nahe beieinander. Kaum fünfzehn Kilometer sind es nach Larbâa, zehn nach Bentalha. Eine Art Großraum von Algier, der den Terroristen lange Zeit als Rückzugsbasis diente. Am 29. August, einem Donnerstag abend, am Abend vor dem Gebet also, erscheinen die haloufs, manche zu Fuß, andere mit Lastwagen, mit Äxten und Säbeln bewaffnet, manche haben auch Gewehre mit abgesägten Läufen, Karabiner oder aus Getränkedosen gebaute Molotowcocktails. Nach "afghanischer Art" tragen die Anführer Tunika und Pluderhose der früheren Mudschahidin. Wie üblich sind sie in Begleitung von Frauen, die ihnen die verfluchten Häuser zeigen. Sie schneiden Kehlen durch, zerstückeln und stecken zwei lebende Babys in den Brotofen - bis dahin das größte Massaker in der Provinz Algier, dreihundert Männer, Frauen und Kinder, wer bietet mehr?

Dazu drei Aussagen über die Umstände des Massakers und welche Lehre daraus zu ziehen ist. Ein Mechaniker, der anschließend eine kommunale Selbstverteidigungsgruppe gebildet hat: "Nach dem Drama erhielten wir die Waffen, die wir vorher gebraucht hätten. Doch weil Ra's den Fundamentalisten als Rückzugsbasis gedient hat, war es verdächtig. Als unsere Familien im Frühjahr bei der Gendarmerie Waffen forderten, hieß es: Nein, wir haben kein Vertrauen. Wir können nicht Leuten Waffen geben, die den Bärtigen nahestanden; im äußersten Fall erhalten sie ihre Strafe!" Ein anderer Zeuge ist Besitzer eines Restaurants und hat am Hals eine Narbe des Messers und im Nacken eine der Axt, die ihn fast enthauptet hätte. Er berichtet von seinem abgestochenen Baby; seine Frau mit dem Vierjährigen wurde unter dem Bett hervorgezogen. Er hörte den Emir sagen: "Die Erwachsenen töten wir, um sie zu bestrafen, und die Kinder, um sie zu retten." Er erinnert sich, daß in jener Nacht bei den Nachbarn eine Hochzeitsfeier stattfand. Das Mechoui roch gut. Die Menschen wirkten fröhlich. Doch unter ihnen seien vier Männer gewesen, die ein paar Stunden später das Massaker leiteten.

Die Armee schützt das Öl, aber nicht die Menschen

Und dann ist da die Aussage eines Offiziers der Gemeindemilizen. Vor den Ereignissen war er Ingenieur. Warum das Militär in Ra's nicht eingegriffen habe, ja, warum die Armee überhaupt so selten eingreife? "Erstens ist das falsch", erklärt er. "Die Armee greift ein. Nur tut sie es zu ihrer Zeit, auf ihrem Gebiet und versucht so wie jede andere Armee der Welt auch, mit dem Blut ihrer Soldaten sparsam umzugehen. Nennen Sie mir eine Armee, die bereit wäre, ihre Quartiere zu verlassen, einfach so, mitten in der Nacht, ohne ausdrücklichen Befehl, ohne zu wissen, ob es sich um einen echten Alarm oder um eine Falle handelt." Anderen Offizieren stellte ich dieselbe Frage nach der passiven Haltung der Streitkräfte. Alle gaben mir die gleiche Antwort; sie sprachen von der "Kultur" der algerischen Armee oder der Mobilität der "nicht faßbaren" Terroristengruppen oder von der Schwierigkeit jeder Armee angesichts eines Guerillakrieges, der sich zudem unaufhörlich wandele - erst Stadtterrorismus, dann Angriffe in den Vorstädten und schließlich auf Dörfer.

Ich würde sagen: Es gibt gewiß die Inkompetenz des Militärs, vielleicht auch Gleichgültigkeit und in den Köpfen mancher den Hintergedanken, daß das Leben eines Bauers das eines guten Soldaten nicht wert ist. Ich kann jedoch nicht glauben, daß es einen "Generalstab" oder einen "Klan" oder auch nur eine "Geheimabteilung" gibt, die Massaker anzettelten, Mörder bewaffneten oder Männer als Islamisten verkleideten, wie man behauptet hat.

Arzew steht für ein anderes Algerien. Dort, wo die sechs Gas-Pipelines des Landes in die Gastanker der Sonatrach münden, liegt das nutzbringende Algerien. Am Nachmittag begrüßt mich die gesamte Führungsspitze des Unternehmens. Mich interessiert nur eine Frage: Wie verhindern sie den Terrorismus? Offiziell stellt sich die Frage nicht. Nach ihren Worten hatte das Gebiet niemals unter dem Islamismus zu leiden. Das stimmt natürlich nicht. Es ist bekannt, auch wenn dies nicht veröffentlicht werden darf, daß es in den vergangenen fünf Jahren sehr wohl Aktionen gegen Pipelines gab, Autodiebstähle und durchtrennte Stromkabel.

Was die Sicherheit der Anlage angeht, so verfügt sie über äußerst raffinierte Vorrichtungen. Wenn man sich Arzew nähert, trifft man zuerst auf eine Reihe von Militärsperren - die ersten ernsthaften, die ich sehe. Riesige Mauern mit Stacheldraht umgeben die Hauptzugangsstraße. Es folgt eine weitere Begrenzung, hermetisch abgeschlossen, die einen ersten Sicherheitsgürtel um die eigentliche Industriezone bildet. Innerhalb dieser ersten Einzäunung liegen elf kleinere Begrenzungen, für jeden "Komplex" eine. Dort stehen Eliteeinheiten der Armee. Außerdem gibt es private Wachleute, die Tag und Nacht patrouillieren. Sie bewachen eine Reihe von "Dörfern", in denen die Werksangehörigen ihre Schwimmbäder, ihre Tennisplätze und Häuser haben. Für den Fall, daß Gefahr von der Seeseite droht, hat man von den Amerikanern einen Spionagesatelliten angemietet, der jeden treibenden Gegenstand ausmacht, der größer ist als zwei Meter. Außerdem gibt es zwei Räume mit Kontrollbildschirmen, rund um die Uhr besetzt mit versierten Informatikern, meist Ausländern. Jede verdächtige Bewegung wird registriert, ob auf dem Boden, im Wasser oder in der Luft.

Auch darauf ist der Sicherheitschef stolz. Und fürwahr, er hat recht: Denn er schafft es seit sechs Jahren, Arzew, diese riesige Zielscheibe, die Bank des Landes, seine Lunge, bis auf ein paar Scharmützel vor Gewalt zu bewahren. Damit wird die wahre Frage erkennbar. In Algier stelle ich sie einem Verantwortlichen der regierenden Partei, der mir nicht ganz ungefragt erklärt, daß die Presse und die Demonstrationsfreiheit sowie ein paar Ansätze zu demokratischen Institutionen bislang das am wenigsten Unvollkommene seien, was die arabisch-muslimische Welt zu bieten habe. "Wenn Ihre Machthaber wollen, können sie", sage ich ihm. "Wenn sie beschließen, die Flaggschiffe von Arzew unangreifbar zu machen, beschaffen sie die Mittel dazu, und es funktioniert. Warum tut man für die Bürger des Landes nicht das gleiche wie für seine Flaggschiffe?"

Das ist die einzige Frage, die zählt, die wahre Herausforderung, die diesen Staat erwartet. Algerien wird sich unwiderruflich auf dem Weg zur Demokratie befinden an dem Tag, an dem es der Welt sagen kann, daß es nicht mehr "nützliche" und "unnütze" Städte gibt, daß das Schicksal eines Bauern in Relizane mindestens ebenso wichtig ist wie das Auslaufen eines Tankers.

Übersetzung: Verena Vannahme

Bernard-Henri Lévy, Jahrgang 1948, wurde mit seinem Essay "Die Barbarei mit menschlichem Antlitz" vor zwanzig Jahren berühmt. Die Grausamkeiten dieses Jahrhunderts, ob sie nun Nazismus oder Stalinismus heißen, im Krieg oder Bürgerkrieg in Ruanda, Bosnien oder in Algerien begangen wurden, ließen den Pariser Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Medienliebling nicht wieder los. Dem Elegant von Saint-Germain-des-Prés ist eine gewisse Theatralik im Auftritt nicht fremd, er übermalt manches Portrait zum Selbstportrait, inszeniert manch guten Gedanken bloß für den großen Auftritt. Me voilà!

Ende der achtziger Jahre verkündete Bernard-Henri Lévy den Tod des Intellektuellen - und demonstrierte zugleich dessen (letzte?) Metamorphose in der Medienwelt, ins Heldentum der Hauptsendezeit. Lévy wurde selbst zum Beispiel dieser Verwandlung: Seinen Dokumentarfilmen aus Bosnien wurde das Engagement hoch angerechnet und die Eitelkeit zum Vorwurf gemacht. Wie viel zurückhaltender wirkt dagegen vorliegende Recherche vom Tatort Algerien, die vergangene Woche in Le Monde erschienen ist und die wir hier gekürzt veröffentlichen.