Ein gemäßigter Islamist? Zufällig treffe ich am nächsten Tag einen in Algier. Es ist noch früh. Ich habe das Hotel verlassen, ohne den Schutzengeln Bescheid zu sagen - ein erster Verstoß gegen die Regel! Ich bin hinuntergegangen zur Place des Martyrs, wo in einem Lädchen mitten in Algier Aufrufe zum Dschihad, zum Heiligen Krieg, Heldenberichte über den Krieg in Afghanistan und eine autorisierte Biographie von Ali Benhadj, dem inhaftierten Islamistenchef, verkauft werden. Dann stehe ich vor der Djama-el-Kebir-Moschee, lungere herum, zögere einzutreten und beobachte die Menge der Gläubigen, wie sie zum Gebet eilen.

Ein komischer Kerl, völlig aufgeregt, kommt auf mich zu: "Was tust du hier? Dies ist der Ort der Muslime. Ausländer haben hier nichts zu suchen." Dann fragt er, ohne Übergang: "Hast du französisches Geld? Komm, wir gehen Fisch essen. Du wirst schon sehen, bei einem Freund meiner Schwester!" So sitze ich denn frühmorgens vor einem Teller mit zu lange gebratenem Fisch in einer Spelunke und höre den erbaulichen Bericht über die Bekehrung von Said und seiner Familie zum "gemäßigten Islamismus": "Mein Viertel war arm. Niemand hatte Arbeit - außer einem Mudschahidin, einem ehemaligen Kämpfer aus dem Unabhängigkeitskrieg, der, als ich noch ein Kind war, in einer Garage illegal einen Fahrradhandel aufmachte. Das ist doch nicht normal, verstehst du? Wenn du jung bist, verzweifelst du daran. Als dann die Bärtigen kamen, als sie in der Moschee gesagt haben, sie würden die Korruption abschaffen, sind wir ihnen gefolgt." Ich versuche, mit ihm über die Massaker zu sprechen: "Das steht nicht im Koran, mein Freund, das ist eine Beleidigung des Korans!"

Eine andere Geschichte: Boubker ist Chauffeur beim staatlichen Sonatrach-Konzern und für die Gäste zuständig. Jahrelang ahnte niemand in seinem Viertel, daß er ein Doppelleben führte: Jeden Abend kam der junge Mann in Jeans und Blouson nach Hause in die Kasbah, tagsüber gab er mit Anzug und Krawatte den Modellangestellten eines Staatsbetriebes ab. Bis es kürzlich einem "hohen Gast" aus Saudi-Arabien in den Sinn kam, sich in der alten Moschee zu sammeln. Boubker parkt den Mercedes, ein paar Straßen von zu Hause entfernt. Er klappt die Sonnenblende herunter, setzt die Sonnenbrille auf und legt sich die Hand übers Gesicht. Er betet, daß ihn nicht zufällig ein Nachbar sieht, in seiner Uniform eines Agenten der Macht und folglich Verräters am Islamismus. Die Zeit vergeht, der Saudi bleibt lange aus. Die Menge um Boubker herum wird immer dichter. Und was er schon seit langem befürchtet hat, tritt ein: Ein Typ lungert am Auto, sieht ihn genau an und geht weg, kehrt zurück, betrachtet ihn wieder, spricht mit einem anderen, geht weg. Seither kann der Chauffeur nicht mehr schlafen. Er geht nicht einmal mehr nachts nach Hause. Nicht daß sein Viertel der AIS oder der GIA besonders gewogen wäre; aber hier ist man eben gegen alles, was von nah oder fern die "Macht" in Algerien symbolisiert. Die Alternative ist klar: Entweder helfe ich ihm, ein Visum für Frankreich zu bekommen, oder er ist ein toter Mann. Man wird ihn eines Morgens mit durchschnittener Kehle vor seinem Haus finden.

AIS und GIA: Das sind auf dem Papier die beiden großen Organisationen, die sich den Einflußbereich des Islamismus streitig machen. Die Islamische Heilsfront (AIS) soll vor der "Waffenruhe" im vergangenen Oktober eher Anhänger gezielter Attentate gegen Intellektuelle oder Beamte gewesen sein: Wenn ihre Mitglieder falsche Straßensperren errichteten, sollen sie mittellosen Bauern das Leben geschenkt haben. Die Leute der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA), heißt es, seien viel barbarischer und für die blinden Massaker der letzten Monate verantwortlich. Sie glaubten, daß Blut zu vergießen, ganz gleich, wessen Blut, der sicherste Weg zu Gott sei. Die Wirklichkeit ist natürlich viel komplexer, vor allem verworrener. Ich habe einen Stoß Flugblätter auf arabisch vor mir, die eine Journalistin einer privaten Tageszeitung gefunden hat. Es sind Fatwas, kurze Texte, vom örtlichen Emir abgezeichnet, die eine "Strafaktion" gegen eine Familie oder das "Todesurteil" eines Lkw-Fahrers verkünden. Die Information ist klar: Diese reinsten Barbaren haben nicht nur ein seltsames Bedürfnis nach "religiöser" Rechtfertigung ihrer Taten, nein, auch Art und Niveau dieser Rechtfertigung haben sich gewandelt. Anfangs kam sie immer von einem großen, nationalen Emir; inzwischen scheint man sich mit der Autorität eines örtlichen Emirs oder eines selbst tief verstrickten Bandenchefs zufriedenzugeben. Es wimmelt nur so von Kommandos. Da bilden sich immer mehr Parallelgruppen, unabhängig voneinander, ohne ein strategisches Oberkommando: Dutzende, vielleicht Hunderte von Brutstätten einer Minimacht und der Vernichtung von Unbeteiligten.

Der Bandenchef: Ich möchte ihn töten, um Gott näherzukommen

Ein Mann namens Hand berichtet: Einer seiner Freunde wird eines Morgens auf dem Weg ins Büro von drei maskierten Männern entführt. Er wird in einen Keller in der Trabantenstadt Eucalyptus gesperrt, Rückzugsbasis für zahlreiche bewaffnete Gruppen im Großraum Algier. Dort läßt man ihn acht Tage hocken, ohne Essen, fast ohne Trinken. Dann sagt der Älteste der Bande zu den beiden anderen: "Ich möchte ihn mit eigener Hand töten, um Gott näherzukommen." Er fragt sein Opfer: "Wie willst du sterben, du Hund? Auf welche Weise willst du getötet werden?" Worauf der völlig erschöpfte "Hund" sich antworten hört: "Ich achte den Willen des Herrn, und jetzt leck mich doch!" Worte der Vorsehung, die den Alten aufspringen lassen: "Vorsicht, Brüder! Er hat gesagt, daß er Seinen Willen achte! Vielleicht ist er ja gottesfürchtig!" Und da im Islam mindestens drei Leute die Gottlosigkeit eines schlechten Muslim bezeugen müssen, jetzt aber nur zwei zur Hand sind, kehrt die Bande nach Algier zurück, stellt in der Nachbarschaft diskrete Fragen, durchsucht die Wohnung nach "Beweisen", findet nichts und läßt den Gefangenen schließlich frei.

Ich weiß nicht recht, wie ich diese Geschichte deuten soll: Inkohärenz? Vielleicht. Manischer Formalismus? Wahrscheinlich. Eine weiter bestehende Religiosität bei den "kleinen" Terroristen an der Basis? Sei's drum. Wobei die allgemeine Tendenz eher eine mafiöse Entwicklung andeutet: Heißt es nicht, daß der "Emir" der Kasbah von Algier weder einen Bart trägt noch das weiße Gewand der Islamisten, das kamis? Und fing er nicht als Taschendieb an, war dann Haschischhändler, der Anfang 1994 zur GIA stieß, nachdem er einen Drogenboß ermordet hatte? - Nein! Diese Geschichte beweist vor allem die Unabhängigkeit jeder Minigruppe.