Ich trete in das ausgebrannte Haus der Familie Cherif: Von acht schönen Zimmern um einen Innenhof steht nur noch der Werkzeugschuppen, in dem sich Mouloud, der Überlebende, versteckte. Mouloud versteckte sich unter einer Werkbank. Von dort aus konnte er sehen, wie der Mann seinen Vater verfolgte, beschimpfte, ihn bis auf die Schwelle des Hauses schleppte und mit der Axt enthauptete, nur ein paar Meter von ihm entfernt.

Warum diese Verbrechen, wo wieder einmal alles darauf hinweist, daß sie genau geplant waren? Ich wage nicht, diese Frage direkt zu stellen, ich erfahre jedoch, daß Larbâa ein Bollwerk des FIS war. Ich entdecke auch - jedoch erst in Algier, denn im Ort verliert niemand ein Wort über dieses "Geheimnis" - , daß in Larbâa bereits im Sommer 1997 zwei grauenhafte Massaker stattfanden. Dennoch haben die Bewohner dieses sehr armen, kleinen Viertels, das, nahe den Bergen, besonders exponiert liegt, im Oktober die Waffen abgelehnt, die man ihnen anbot. Unter welchen Bedingungen wurden sie angeboten? Und warum hat der Staat immer noch keinen Sicherheitsgürtel um Larbâa gelegt, wohl wissend, daß eine Stadt, die bereits drei Massakern zum Opfer gefallen ist, wahrscheinlich ein viertes erleben wird?

Baraki, ein anderer Ort des Schreckens: Wir sehen die beiden Militärposten, die in der Nacht vom 23. September trotz der Schreie, der Brände und des Lärms, den die Frauen mit ihren armseligen Kochtöpfen veranstalteten, nicht eingriffen. Am Ortsausgang liegt auf freiem Feld eine militärische Sendestation hinter einer hohen Mauer. Im nächsten Ort, in Bentalha, liegt, anderthalb Kilometer vom Ort des Massakers entfernt, ein städtisches Polizeiquartier mit Polizisten, die auf eine schwere militärische Intervention nicht eingerichtet sind. Ich sage dem Offizier in meiner Begleitung: "Ein Soldat hat die Aufgabe, die Zivilbevölkerung zu schützen, was auch geschieht." Doch er verweist darauf, welch ein Unterschied besteht zwischen diesen Posten und den in den europäischen Medien beschriebenen "Kasernen".

Wenn in Frankreich von den Massakern die Rede ist, sieht man verwüstete Viertel, ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Man stellt sich also jedesmal ein algerisches Oradour-sur-Glâne vor; dabei reichen sieben, vielleicht auch acht Häuser aus - der Rest der Siedlung bleibt unberührt -, um den Gipfel des Schreckens zu erreichen. Mit einer Grausamkeit, die eben nicht blind zuschlägt: Familien werden ausgelöscht, nicht ganze Dörfer; man hat es auf die Sippe abgesehen, den genos, nicht den Marktflecken, und weil sich diese Unmenschlichkeit gegen den genos richtet, ist sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Genozid.

Ich gehe zu den zerstörten Häusern von Bentalha. Ich betrachte die zwei- oder dreistöckigen Backsteinbauten. Man spürt den Reichtum der Gemeinde, den Wohlstand der Familien: gute Böden, schöne Grundstücke. Vielleicht herrschte Streit um Baugenehmigungen. Man kann sich das tragische Spiel des Klientelsystems und die Vendetta vorstellen. Zwingt man ein ganzes Viertel zur Aufgabe, indem man ein paar Familien aufs Korn nimmt? Wahrscheinlicher ist, daß es mit dem FIS verbandelte Familien gibt, die von seiner Freigiebigkeit profitierten, als er in den Jahren 1988 bis 1991 unumschränkt über die Gemeinde herrschte. Und dann, eines schönen Tages, hat ein Familienvater genug davon, den Zehnt zu bezahlen, oder er bemerkt, daß sich der Wind dreht und seine Vasallentreue riskant werden könnte, oder auch, daß er der AIS gegeben hat, während er die GIA hätte unterstützen müssen.

Da gibt es den "Fall Nassera": Die Islamistin kehrte am Abend vor dem Geschehen in ihr Viertel zurück, um die zu schleifenden Häuser zu benennen, und raubte den ermordeten Frauen beim Massaker ihren Schmuck. Sie erscheint als ein Paradebeispiel dieses mafiösen Terrorismus.

Noch ein Ort des Massakers: Ra's, immer noch im selben Dreieck des Todes. Letztlich liegen alle nahe beieinander. Kaum fünfzehn Kilometer sind es nach Larbâa, zehn nach Bentalha. Eine Art Großraum von Algier, der den Terroristen lange Zeit als Rückzugsbasis diente. Am 29. August, einem Donnerstag abend, am Abend vor dem Gebet also, erscheinen die haloufs, manche zu Fuß, andere mit Lastwagen, mit Äxten und Säbeln bewaffnet, manche haben auch Gewehre mit abgesägten Läufen, Karabiner oder aus Getränkedosen gebaute Molotowcocktails. Nach "afghanischer Art" tragen die Anführer Tunika und Pluderhose der früheren Mudschahidin. Wie üblich sind sie in Begleitung von Frauen, die ihnen die verfluchten Häuser zeigen. Sie schneiden Kehlen durch, zerstückeln und stecken zwei lebende Babys in den Brotofen - bis dahin das größte Massaker in der Provinz Algier, dreihundert Männer, Frauen und Kinder, wer bietet mehr?