Dazu drei Aussagen über die Umstände des Massakers und welche Lehre daraus zu ziehen ist. Ein Mechaniker, der anschließend eine kommunale Selbstverteidigungsgruppe gebildet hat: "Nach dem Drama erhielten wir die Waffen, die wir vorher gebraucht hätten. Doch weil Ra's den Fundamentalisten als Rückzugsbasis gedient hat, war es verdächtig. Als unsere Familien im Frühjahr bei der Gendarmerie Waffen forderten, hieß es: Nein, wir haben kein Vertrauen. Wir können nicht Leuten Waffen geben, die den Bärtigen nahestanden; im äußersten Fall erhalten sie ihre Strafe!" Ein anderer Zeuge ist Besitzer eines Restaurants und hat am Hals eine Narbe des Messers und im Nacken eine der Axt, die ihn fast enthauptet hätte. Er berichtet von seinem abgestochenen Baby; seine Frau mit dem Vierjährigen wurde unter dem Bett hervorgezogen. Er hörte den Emir sagen: "Die Erwachsenen töten wir, um sie zu bestrafen, und die Kinder, um sie zu retten." Er erinnert sich, daß in jener Nacht bei den Nachbarn eine Hochzeitsfeier stattfand. Das Mechoui roch gut. Die Menschen wirkten fröhlich. Doch unter ihnen seien vier Männer gewesen, die ein paar Stunden später das Massaker leiteten.

Die Armee schützt das Öl, aber nicht die Menschen

Und dann ist da die Aussage eines Offiziers der Gemeindemilizen. Vor den Ereignissen war er Ingenieur. Warum das Militär in Ra's nicht eingegriffen habe, ja, warum die Armee überhaupt so selten eingreife? "Erstens ist das falsch", erklärt er. "Die Armee greift ein. Nur tut sie es zu ihrer Zeit, auf ihrem Gebiet und versucht so wie jede andere Armee der Welt auch, mit dem Blut ihrer Soldaten sparsam umzugehen. Nennen Sie mir eine Armee, die bereit wäre, ihre Quartiere zu verlassen, einfach so, mitten in der Nacht, ohne ausdrücklichen Befehl, ohne zu wissen, ob es sich um einen echten Alarm oder um eine Falle handelt." Anderen Offizieren stellte ich dieselbe Frage nach der passiven Haltung der Streitkräfte. Alle gaben mir die gleiche Antwort; sie sprachen von der "Kultur" der algerischen Armee oder der Mobilität der "nicht faßbaren" Terroristengruppen oder von der Schwierigkeit jeder Armee angesichts eines Guerillakrieges, der sich zudem unaufhörlich wandele - erst Stadtterrorismus, dann Angriffe in den Vorstädten und schließlich auf Dörfer.

Ich würde sagen: Es gibt gewiß die Inkompetenz des Militärs, vielleicht auch Gleichgültigkeit und in den Köpfen mancher den Hintergedanken, daß das Leben eines Bauers das eines guten Soldaten nicht wert ist. Ich kann jedoch nicht glauben, daß es einen "Generalstab" oder einen "Klan" oder auch nur eine "Geheimabteilung" gibt, die Massaker anzettelten, Mörder bewaffneten oder Männer als Islamisten verkleideten, wie man behauptet hat.

Arzew steht für ein anderes Algerien. Dort, wo die sechs Gas-Pipelines des Landes in die Gastanker der Sonatrach münden, liegt das nutzbringende Algerien. Am Nachmittag begrüßt mich die gesamte Führungsspitze des Unternehmens. Mich interessiert nur eine Frage: Wie verhindern sie den Terrorismus? Offiziell stellt sich die Frage nicht. Nach ihren Worten hatte das Gebiet niemals unter dem Islamismus zu leiden. Das stimmt natürlich nicht. Es ist bekannt, auch wenn dies nicht veröffentlicht werden darf, daß es in den vergangenen fünf Jahren sehr wohl Aktionen gegen Pipelines gab, Autodiebstähle und durchtrennte Stromkabel.

Was die Sicherheit der Anlage angeht, so verfügt sie über äußerst raffinierte Vorrichtungen. Wenn man sich Arzew nähert, trifft man zuerst auf eine Reihe von Militärsperren - die ersten ernsthaften, die ich sehe. Riesige Mauern mit Stacheldraht umgeben die Hauptzugangsstraße. Es folgt eine weitere Begrenzung, hermetisch abgeschlossen, die einen ersten Sicherheitsgürtel um die eigentliche Industriezone bildet. Innerhalb dieser ersten Einzäunung liegen elf kleinere Begrenzungen, für jeden "Komplex" eine. Dort stehen Eliteeinheiten der Armee. Außerdem gibt es private Wachleute, die Tag und Nacht patrouillieren. Sie bewachen eine Reihe von "Dörfern", in denen die Werksangehörigen ihre Schwimmbäder, ihre Tennisplätze und Häuser haben. Für den Fall, daß Gefahr von der Seeseite droht, hat man von den Amerikanern einen Spionagesatelliten angemietet, der jeden treibenden Gegenstand ausmacht, der größer ist als zwei Meter. Außerdem gibt es zwei Räume mit Kontrollbildschirmen, rund um die Uhr besetzt mit versierten Informatikern, meist Ausländern. Jede verdächtige Bewegung wird registriert, ob auf dem Boden, im Wasser oder in der Luft.

Auch darauf ist der Sicherheitschef stolz. Und fürwahr, er hat recht: Denn er schafft es seit sechs Jahren, Arzew, diese riesige Zielscheibe, die Bank des Landes, seine Lunge, bis auf ein paar Scharmützel vor Gewalt zu bewahren. Damit wird die wahre Frage erkennbar. In Algier stelle ich sie einem Verantwortlichen der regierenden Partei, der mir nicht ganz ungefragt erklärt, daß die Presse und die Demonstrationsfreiheit sowie ein paar Ansätze zu demokratischen Institutionen bislang das am wenigsten Unvollkommene seien, was die arabisch-muslimische Welt zu bieten habe. "Wenn Ihre Machthaber wollen, können sie", sage ich ihm. "Wenn sie beschließen, die Flaggschiffe von Arzew unangreifbar zu machen, beschaffen sie die Mittel dazu, und es funktioniert. Warum tut man für die Bürger des Landes nicht das gleiche wie für seine Flaggschiffe?"