Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt

Grundgesetz Artikel 1 Absatz 1

Mein Arbeitsamt, das hält mich jung und lenkt mich von allen meinen privaten Sorgen ab. Auch wenn es gelegentlich zwischen uns zu kleinen Unstimmigkeiten durch, sagen wir mal, Mißverständnisse kommt, klärt sich schließlich doch alles wieder auf. So auch letztens, als ich mir beinahe eine sechswöchige Sperre meines Arbeitslosengeldes eingehandelt hätte. Nein, über mein Arbeitsamt kann ich mich nicht beklagen.

Doch der Reihe nach.

Begonnen hatte alles vor mehr als einem Jahr, am 9. Dezember 1996. An diesem Tag fuhr ich zu meinem Arbeitsamt, um mich von Neujahr an arbeitslos oder, wie ich es nenne: arbeitsstellenlos zu melden, da das Wissenschaftler-"Integrations"-Programm für mehrfach positiv evaluierte Ostwissenschaftlerinnen und Ostwissenschaftler zum Ende des Jahres sang- und klanglos auslaufen sollte. Ich wurde freundlich, ja nahezu teilnahmsvoll von einem älteren Herrn registriert.

Zehn Tage später erschien ich mit den nötigen, von mir und meinem damaligen Noch-Arbeitgeber, der Humboldt-Universität zu Berlin, ausgefüllten Formularen in der Leistungsabteilung. Mir gegenüber saß diesmal eine junge Frau. Bereitwillig erzählte ich ihr, daß ich wohl auch im kommenden Jahr einige Vorträge halten und Artikel schreiben würde, und fragte sie, wie denn die Verrechnung der Honorare mit dem Arbeitslosengeld erfolge. Diese Frage mußte sie freilich überhören, da ihre ganze Aufmerksamkeit meinen Formularen galt. Ihr wurde erst nach mehreren Rückfragen klar, daß hier jemand in ihrem Dienstzimmer saß, der nicht pflichtversichert war, weil er in besseren Zeiten mit seinem Gehalt über der Beitragsbemessungsgrenze lag.

Diese plötzliche Erkenntnis der jungen Dame belastete unser weiteres Gespräch. Nein, ich will nicht gerade behaupten, daß sie mich anschrie, als sie mir erklärte, ich dürfte in der Woche höchstens 17,5 Stunden arbeiten, denn alles darüber wäre Schwarzarbeit. Aber der seltsame Unterton in ihrer Stimme verführte mich dazu zu sagen: "Ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftler. Sie können mir doch nicht vorschreiben, wie viele Stunden ich vor dem Computer und mit meinen Büchern zubringen darf. Wichtig ist doch nur, daß ich jederzeit für das Arbeitsamt erreichbar bin und daß mir meine Forschungsarbeit leider nicht mehr bezahlt wird."