Das Jahr 1998 steht noch etwas wackelig auf den Beinen, aber schon ist die große Freiheit angebrochen. Zumindest beim Telephonieren, wo sich ein absonderliches Geplänkel zwischen den Anbietern entwickelt, begleitet von denkwürdigen Sprüchen: "Ab sofort werden sich die Menschen besser verstehen", frohlockt die Firma o.tel.o über die n.eu.e Unübersichtlichkeit. Andere können sich über den neuen Nummernsalat weit weniger freuen. Vom neuen Geist der Geschäfte betroffen sind etwa die CB-Funkamateure, die über die Jahre ein eigenes Verständigungsnetz aufgebaut haben. Es nennt sich CB-Packet-Radio und funktioniert genauso, wie der Name sagt: Daten werden zu Paketen zusammengefaßt und dann zur nächsten Station gefunkt. Mit jedem Paket wird das Rufzeichen des Senders und des Empfängers übertragen, damit jede Station nur die für sie bestimmten Daten empfängt. Mit 1200 Baud ist das Paketradio nicht eben schnell, doch es funktioniert und ist ein Hobby vieler Schüler und Azubis geworden, für die Internet einfach zu teuer ist.

Mit der Überführung des Post- und Fernmeldeministeriums in die neue Regulierungsbehörde ist die große Freiheit der CB-Funker jetzt vorbei. Denn die Rufzeichen der Funker sind "Zeichenfolgen, die in Telekommunikationsnetzen der Adressierung gelten", so die alte Behörde in einer ihrer letzten Entscheidungen. Als solche fallen sie unter die neue Aufsicht, müssen beantragt und vor allem bezahlt werden. Zwischen fünfzig und achtzig Mark sollen die Hobbyfunker für ein amtliches CB-Rufzeichen bezahlen, das außer in Deutschland nur noch in der Schweiz benötigt wird. Preisnachlässe gibt es nur für den Deutschen Arbeitskreis für CB- und Notfunk e. V. - einen Verein, der bezeichnenderweise in den Räumen der CDU/CSU-Fraktion gegründet wurde und per Amtsblattverfügung der neuen Regulierungsbehörde gleichgestellt ist. Die von ihm ausgegebenen Rufzeichen werden als amtliche anerkannt.

Auf die staatliche Geldeintreiberei reagieren die jungen Bastler mit Protesten - und mit technischen Tricks. Die CB-Freaks arbeiten daran, das TCP/IP-Protokoll des Internet an die Besonderheiten der Funktechnik anzupassen. Auch bei diesem Protokoll gibt es Nummern, die sogenannten IP-Adressen. Sie sind nötig, damit die Datenpakete im Internet ihren Bestimmungsort erreichen können. Die Überlegung der Funker: Wenn die neue Regulierungsbehörde auch für diese Übertragungsweise im CB-Funk Gebühren sehen will, so müßte sie analog für alle IP-Adressen des Internet zur Kasse bitten. Das aber ist schlechterdings unmöglich.

Die Hintergründe der neuen Regulierungswut inmitten der großen Freiheit sind indes gar nicht bei den Hobbybastlern im CB-Bereich zu finden. Inspiriert von der Technik des Internet und des CB-Funks, machen sich Firmen daran, das Telephonnetz komplett zu umgehen. Eines dieser Projekte ist DIRC, die Digital Inter Relay Communication des Kölner Erfinders Winrich Hoseit. Bei ihm sind alle Basisstationen Funkeinheiten in der Leistungsstärke eines Handys. Sie sind Empfänger und Sender zugleich, sie vermitteln hundert Gespräche gleichzeitig über ein neuronales Netz, das fortlaufend die günstigsten Wege errechnet. Mit DIRC ist ein jeder des anderen Funkmast und soll telephonieren, faxen oder ins Internet gehen können, soviel er will. Telephongesellschaften bleiben bei diesem Netz außen vor und spielen allenfalls bei Standleitungen zwischen den Großstädten eine Rolle. Nur die Regulierungsbehörde will unbedingt dabeisein, denn jede DIRC-Station muß natürlich ein amtliches Rufzeichen haben. Wo kämen wir sonst hin!

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