Wenn nicht alles täuscht, dann gab es nur einen Mythos, von dem die symbolische Kommunikation der Serben im Krieg 1991-1995 beherrscht war: den Mythos nationaler Identität. Er setzt sich zusammen aus Bildern und Geschichten über die imaginäre ethnonationale Gemeinschaft der Serben und mündet in dem Aufruf: "Seien wir das, was wir sind!" Diese "natürliche" Identität unterstellt aber, daß alle Beziehungen unter den Serben wie Verwandtschaftsverhältnisse geformt sind. Dagegen werden die Beziehungen zu anderen Nationen nach biokulturellen Unterschieden reguliert, und zwar im Namen eines zweifachen Rechts: Des Rechts auf Unterschied und des Rechts auf nationale Selbstbestimmung. Insgeheim bindet sich diese mythische Identitätsrhetorik damit an den Krieg. Denn nach ihrem Verständnis werden nationale Unterschiede vor allem durch Kampf hergestellt. So legitimiert der serbische Mythos den Krieg als Kampf für die von Gott und Natur gegebene serbische Nation.

Damit nicht genug. Der serbische Mythos begnügt sich, wenn es um nationale Identität geht, nicht bloß damit, auf Unterschieden zu beharren. Die Forderung "Seien wir, was wir sind" geht weiter. Serbien wird zu einer originären und unvergleichlichen Nation stilisiert und erscheint auf diese Weise als singuläre Existenz im Mythos - ganz so, als seien die Serben die einzige Nation, die bis zum letzten ihrem "Wesen" die Treue hält. Denn nur der Mythos birgt das nationale Schicksal der Serben, zwar jenseits der Welt, doch dieser als Beispiel empfohlen.

Doch der Mythos der Identität operiert noch mit einer anderen Figur, die man als serbischen Messianismus bezeichnen könnte. Er behauptet, daß sich authentische nationale Identität nicht bei allen Völkern findet. Einigen ist sie nicht gegeben, bei anderen weniger entwickelt, vergessen oder vernachlässigt. Amerika, so heißt es, besitze überhaupt keine nationale Identität; es sei eine künstliche Gemeinschaft ohne Wurzeln, ohne Tradition, ohne kollektive Erinnerung, ohne Seele. Bei anderen Nationen sei die Identität in miserablem Zustand. Den Westeuropäern zum Beispiel, die sich durch Materialismus, Humanismus und Kosmopolitismus versündigten, bliebe nur noch eine kranke, ermattete, faulende Identität. Und Kroaten, Albaner, Makedonier, Muslime, Bulgaren oder Rumänen leben in dieser fatalen Optik gleichsam mit einer "Ersatz"-Identität. Sie mußten ihre wahre - nämlich serbische - Identität aufgeben und eine fremde übernehmen.

Allerdings, mit der moralisch oder biologisch heruntergekommenen Gestalt Westeuropas wollen die Serben nichts zu schaffen haben. Serben sind, wie Vladimir Velmar-Jankovic einmal meinte, "Nichteuropäer". "Von allen Gegenden Europas verkörpert der Balkan am allerwenigsten Europa. Und unter den Christen auf dem Balkan am allerwenigsten Serben und Bulgaren." Ähnlich dachte Ende der zwanziger Jahre auch Vladimir Vujic: "Nein, wir sind nicht Europa." Er begründet dies mit dem unterschiedlichen "Lebensgefühl" des serbischen Menschen im Vergleich zu dem, "das Europa bis zur Unmöglichkeit entfaltet hat".

Geht es nach dem serbischen Mythos, dann befand sich der Westen nicht immer in einem derart desaströsen Zustand. Europa, so heißt es, sei erst in dem Augenblick die Klippen der Sünde hinabgestürzt, als es seine ursprünglichen und authentischen Quellen verriet. Heute erscheint der ganze Westen als trauriges Endprodukt aus Dekadenz, Fäulnis, Selbstvergessenheit und Korruption. Es sind diese Sünden, die der serbische Mythos schon immer im Namen alter Tugenden verworfen hat. Nur deshalb können sich die Serben gemeinsam mit anderen slawischen und orthodoxen Völkern, die nicht vom Niedergang und Fall des Westens erfaßt sind, als Hüter des ursprünglichen Europäertums fühlen. Was hieße, daß Velma-Jankovic' "Nichteuropäer" die wahren Europäer sind.

"Europa ist nicht gegen uns, weil wir nicht Europa sind und es nicht sein wollen", schrieb der Metropolit Amfilohije im Oktober 1991, "sondern weil wir, nicht nur durch unser Verdienst, sondern durch ein Geschenk Gottes, Träger und Bewahrer des ursprünglichen jerusalem-mediterranen Europäertums sind. Und dieses Europäertum will vor allem einen Verlust nicht hinnehmen: Den Verlust jenes Gleichgewichts in der menschlichen Existenz, in der sich Horizontale und Vertikale des Heiligen Kreuzes treffen. Der Westen hat sich zu sehr dem Materiellen verschrieben, der Vergöttlichung seiner Werke. Gier und niedriger Verstand sind sein Glaube."

Folgt man einigen zeitgemäßeren Versionen des Mythos, dann ist die Krankheit Europas, sein ständiges Straucheln, jüngeren Datums. Predrag Milosevic, Sportprofessor und Autor des Buches "Die heiligen Krieger" (veröffentlicht 1989), bringt die Krankheit Europas mit den "heutigen Zeiten" in Verbindung. "Der Schatten des Niedergangs", erklärt Milosevic, "erscheint in dem Augenblick, als in den westeuropäischen Ländern das Gefühl für die wahren Werte verlorengeht, da Geld, materielle Werte und wirtschaftliches Interesse den Platz von Philosophie, Religion, Geschichte und Politik einnehmen. Indem sie sich für Geld und vulgären Professionalismus in Sport und Armee entscheiden, sägen die Europäer an dem Ast, auf dem sie sitzen, weshalb die heutige Zeit der Epoche des Untergangs des Römischen Reiches ähnelt."