Das Autodach eignet sich nicht nur für den Transport sperriger Utensilien, sondern auch als Bühne für die Selbstdarstellung der im Inneren verborgenen Reisenden. Die modische Kapselform der rollenden Behausung erzeugt so viele Gefühle der Beengtheit, daß wenigstens draußen Freiheit und Luftigkeit anschaulich werden sollen. Das Automobil kann seine Vorrangstellung unter den Freiheitssymbolen nicht länger halten, denn allzu imprägniert ist sein Image vom Stau auf dem Weg ins Büro. Wer in einer Blechkolonne gefangen ist, fühlt sich mitunter verlockt, einfach davonzuradeln. Weil diese Befreiungsform nicht realisierbar ist, braucht man zumindest eine Möglichkeitsform. Eine solche ist im Fahrradhalter zu erblicken.

Ob mit oder ohne Fahrrad, der Ständer ist von der Luft der Freiheit umweht. Ob in der Stadt oder auf dem Lande, er verkörpert freie Fahrt jenseits blockierter Straßen. Und noch im größten Stau gelingt es ihm, des Fahrers Beweglichkeit zu kommunizieren. Weshalb immer mehr Lenker ihr Glück darin finden, täglich einen Fahrradständer spazierenzuführen.

Alle Dachkulte wurzeln in dem alten Brauch, bei Urlaubsfahrten mit der ganzen Familie mehr Gepäck mitzunehmen, als der Kofferraum verträgt. Als Wohnwagenersatz gehörte das Zelt in der Nachkriegszeit zur normalen Urlaubsausstattung des deutschen Menschen und prägte dessen Bild rund ums Mittelmeer. Heute gelten Koffer am Dach als Zeichen der Armut und lassen auf eine Herkunft aus mittelmeerischen Ländern schließen. Seit dieser Umkehrung der sozialen und geographischen Bedeutung des Dachgepäcks haben die Hersteller der "Aerodynamischen Integral-Box", die peinlich gewordene Reisetaschen den Blicken entzieht, Konjunktur. Zu intim ist das Leibgepäck, als daß es sich noch sehen lassen könnte.

Wie sportlich und modisch orientierte Menschen gerade ihre Freizeit verbringen, können fußlahme Autosüchtige jederzeit von den Dächern ablesen. Wie sehr gehörte doch einst das Surfbrett zur ganzjährigen Pflichtausstattung jedes GTI! In dem Gerede um die "Surfboard-Dach-Attrappen" - egal, ob es solche jemals gegeben hat oder nicht - konstituierte sich der Kult der ironischen Selbstidentifizierung der achtziger Jahre. Zu dessen zentralen Riten gehörte das Lamentieren über die allgegenwärtige "Konsumgeilheit" der jeweils Abwesenden - vor allem der Attrappenbesitzer, während man selbst ein besonders teures Brett sein eigen nannte. Damals mußten auch Nichtschwimmer einmal jährlich ins kalte Wasser, um den aktuellen Autoschmuck zu rechtfertigen.

Heute sind die Surfbretter von den Dächern so gut wie verschwunden. Diesem grimmigen Schicksal driften auch die Skiträger entgegen, denn im Vergleich zu den Snowboardständern wirken sie längst uncool familienhaft. Der wahre Held des Zeitgeisttheaters auf der Freiluftbühne Autodach ist jedoch das Fahrrad. Vom Ökodiskurs moralisch aufgewertet und vom Mountainbikedesign ästhetisch überhöht, ist es die Krone des aktuell ausgestatteten Automobils. Nicht etwa als Fortbewegungswerkzeug, sondern als vergegenständlichtes Bekenntnis zu inneren Werten, die dem Automobilismus widerstreiten, vom Wagen nicht vermittelt werden können und deshalb aufs Dach verschoben werden: Sportlich fit und schlank wähnt man den Lenker eines radgeschmückten Autos, egal wie fett und träge der in seinem Sitzgurt hängt.

Die Natur scheint jeder Mountainbiketransporteur zu lieben, auch wenn er nie die Stadt verläßt. Das mitgeführte Fahrrad kennzeichnet den freizeitorientierten Spaßmenschen. Was um so wichtiger ist, je mehr der Fahrer einem workoholischen Buchhalter ähnelt. Zur inneren Gesundheit gesellt das Fahrrad die äußere als demonstrativen Wert. Bescheidenheit, Bereitschaft zu Anstrengung und Verzicht auf Bequemlichkeit, Opferbereitschaft für die Umwelt, Skepsis gegenüber dem technischen Fortschritt und Sehnsucht nach einem einfachen Leben: Im Fahrrad kulminiert das "Gute", und seine Pedale dienen einer phantastischen Rückabwicklung der fatalen Technikgeschichte durch Opferung des schwitzenden Büßerkörpers auf der Tretmühle des prometheischen Menschen.

Das Dachfahrrad ist ein Dementi des Autos, ein Wiedergutmachungszusatz, mit dem der Fahrer bekanntgibt, im Grunde seines Herzens gar kein böser Autofahrer zu sein. Als zur Ware geronnene Gutheit entlastet der Fahrradhalter das Innere der Seele genauso wie das Innere des Kofferraums vom sperrigen Gut.