Was Canetti in "Masse und Macht" beobachtet hat, daß nämlich das Hinscheiden vertrauter Menschen in den Zurückgebliebenen nicht immer nur Gefühle der Trauer verursacht, sondern auch solche klammheimlicher Freude, kann man derzeit in einem der aufwendigsten Untergänge erleben, in James Camerons Film "Titanic".

Grund zur Freude ist das eigene Überleben, das früher im Exzeß des Leichenschmauses gefeiert wurde. Daß man lebt, merkt man am stärksten dann, wenn ein anderer nicht mehr lebt. Da es Leichenschmäuse kaum mehr gibt, fällt Filmen wie "Titanic" eine Aufgabe zu. Cameron hat deshalb seiner zunächst nur technischen Untergangsorgie eine bittersüße Liebesgeschichte beigefügt, deren Sinn darin besteht, dem Zuschauer ein junges Paar dergestalt ans Herz zu legen, daß er mit ihm im Eismeer zitternd ums Überleben bangt.

Es liegt in der Logik der Überlebensfreude, daß einer dran glauben muß - in diesem Fall der junge Liebhaber Jack, der sich wie weiland Ophelia wasserwärts verabschiedet, den Fischen zur Speise, so daß ein Todeshauch ans mitfühlende Herz des Zuschauers greift, was ihm aber hinterher das beruhigende Gefühl gibt, dem Untergang entronnen zu sein.

Es stellt sich hier die Frage, was denn ansonsten am sogenannten Leben dran sei, daß es Anlaß zur Freude wäre. Die Frage stellen heißt, sie nicht beantworten zu können. Man kann ja nicht jeden Tag "Titanic" sehen, und die Zahl lieber Anverwandter ist begrenzt. Auch empfiehlt es sich kaum, jene Nachrichtenagentur nachzuahmen, die kürzlich den Tod des mexikanischen Literaturnobelpreisträgers Octavio Paz meldete, worauf Paz sich im Fernsehsender Televisa zu Wort meldete und den überlieferungswürdigen Ausspruch tat: "Wenn man stirbt, muß man dies zur rechten Zeit tun. Sterben ist eine schwierige Kunst." Das mag der Grund sein, weshalb die meisten Menschen doch lieber leben. Die neueste Nachricht, daß bloß eine Fischmahlzeit pro Woche das Risiko des Herztodes halbiere, ist deshalb eine gute Nachricht.

Ich mag aber keinen Fisch, ruft jetzt einer von den hinteren Rängen. Na gut. Dann gehen Sie halt in "Titanic". Die digital erzeugten Delphine jedenfalls, die Sie am Bug des Schiffes sich tummeln sehen, müssen Sie nicht verzehren.

Finis