Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei." So beginnt in der Bibel die Geschichte des Menschen. Und es kam im Jahr des Heils 1998 Dr. Richard Seed aus Chicago und sprach in der BBC: "Gott wollte, daß der Mensch eins wird mit ihm. Klonen ist der erste ernsthafte Schritt, wie Gott zu werden." Und er kündigte an, Menschen zu machen, genetisch identische, "Fleisch vom Fleische" des zellenspendenden Wirts.

Lassen wir die wirre Theologie des Dr. Seed beiseite. Klar ist, daß sein herrisches Begehren in älteste Träume der Menschheit schneidet: zu sein wie Gott und sich selber, der Sterblichkeit zum Trotz, noch einmal zu erschaffen. Und zugleich gebar dieses halsbrecherische Unterfangen immer auch den Angsttraum des Höllensturzes. Von den antiken Mythen bis zu Frankensteins Monster erscheint die Schrift an der Wand: "Denn mit den Göttern / Soll sich nicht messen / Irgendein Mensch". So heißt es in Goethes Gedicht "Grenzen der Menschheit". Wo sind die Grenzen?

Solche Phantasmagorien erklären das Ausmaß der öffentlichen Erregung. Das deutsche Embryonenschutzgesetz belegt das Klonen von Menschen mit Strafe. Auch anderswo, wie jetzt in den USA, werden Verbote gefordert. Aber jedes Gesetz schließt seine Übertretung mit ein. Auch wenn die Experten auf die technischen Risiken und Hürden hinweisen: Eines Tages wird man Menschen klonen. Und auch wenn kein ökonomisches Kalkül und schon gar kein vernünftiger Grund für das Klonen spricht: Man wird es tun, wenn man es kann. "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden", sagt Möbius in Dürrenmatts Drama "Die Physiker" aus dem Jahr 1962.

Unsere Untergangsängste sind heute andere. Aber wir sollten genauer hinschauen. Da ist zunächst die simple Tatsache, daß personale Identität nicht an der genetischen hängt. Eineiige Zwillinge betrachten wir selbstverständlich als Personen eigener Würde. Sie sind verschieden, obwohl sie unter äußerst ähnlichen Umständen aufwachsen. Wie verschieden erst müssen Menschen sein, die, obwohl genetisch gleich, in verschiedenen Umständen leben, in einer anderen Zeit, einer anderen Generation?

Aber selbst wenn wir darin übereinstimmen, daß geklonte Menschen, wenn es sie gäbe, unsere Achtung ebenso verdienten wie jeder andere, bleibt die Frage, weshalb uns der Gedanke des Klonens zuwider ist. Mit dem Hinweis aufs Natürliche läßt sie sich nicht beantworten. Die Wissenschaft lehrt uns, daß in der Natur das Klonen die ursprünglichere Form der Vermehrung ist. Was an der menschlichen Reproduktion wäre noch natürlich? Wir haben es gelernt, sexuelle Erfüllung vom Zwang der Zeugung unabhängig zu machen. Das ist schön. Wir können gebären, ohne gezeugt zu haben, und wir können eigene Kinder haben, ohne zu gebären. Und theoretisch können wir Menschen bis zur Perfektion züchten. Das ist nicht mehr schön.

Bis in die scheinbar natürlichsten Vorgänge hinein ist der Mensch Kultur. Und genau hier hat der Einwand gegen das Klonen von Menschen seinen berechtigten Ort. Wir haben inzwischen jede erdenkliche Freiheit. Aber jede Freiheit erzeugt ihre eigene Unfreiheit, nämlich den Zwang, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Die vorgeburtliche Diagnostik erlaubt einen immer genaueren Aufschluß über die Lebens- und Erfolgschancen des zukünftigen Kindes. Die Eltern, den Testbogen in der Hand, trifft die Last einer Entscheidung, für die es kaum eine andere Letztbegründung gibt als die einer kulturellen Tradition. Sie besagt, es sei gut und richtig, daß zwei Menschen, wenn sie einander lieben, sich vereinigen, ein Kind zeugen, es zur Welt bringen, es auch dann aufziehen, wenn es die schönsten Hoffnungen keineswegs erfüllt, und für es sorgen, bis es alt genug ist, seinen eigenen Weg zu gehen.

Die Frage, ob dies noch der Normalfall sei, ist nicht entscheidend. Er entspricht unserem Herkommen, unserer Kultur. Und die ist, mehr als wir vielleicht wahrhaben wollen, europäisch und christlich. Die gegenwärtige Schwäche der Kirchen ist ebensowenig ein Beweis dagegen wie die verbreitete Glaubensferne. Die europäisch-christliche Kultur spricht aus allen Zeugnissen unserer Geschichte, und sie prägt noch immer die Maßstäbe dessen, was wir für gut und richtig halten. Daß bestimmte moralische Grundüberzeugungen sich gegen die moderne Lebenswelt behaupten und regenerieren, hängt eben damit zusammen. Ist es nicht ein Wunder, daß Kinder immer wieder ein ursprüngliches Gefühl, mag es auch schwinden, für das Gerechte und Richtige haben? Ein Dogma läßt sich daraus nicht ableiten, wohl aber ein Gespür für Maß und Stil, für Sitte und Tradition. In anderen, älteren Kulturen ist dieses Gespür oft viel lebendiger.