Die Reproduktion des Produktes Mensch kann nicht gelingen ohne liebende Fürsorge, ohne Verläßlichkeit und Verantwortlichkeit. Es steht uns nicht frei, diesen kulturellen Zusammenhang kostenlos zu verlassen. Er erinnert uns an das Prinzip der Gegenseitigkeit. Selbstentfaltung erfordert Mitgefühl, Freiheit erzwingt Verantwortung.

Dieses Gleichgewicht ist gegenwärtig bedroht durch jenen schrankenlosen Egoismus, der sich als das Gebot der Stunde ausgibt. Er drückt sich aus in einer Strategie der Vorteilsmaximierung und der Verantwortungsabwehr. Immer mehr Schlaumeier unterlaufen das englische Sprichwort, man könne den Kuchen nicht behalten und ihn gleichzeitig essen. Sie wollen vielleicht ein Kind, aber wenn, dann bitte ein perfektes. Das läßt sich machen.

Wer ist frei von solcher Selbstsucht? Sie herrscht überall. Wir wollen Selbstverwirklichung ohne Verantwortung. Wir ignorieren die Dialektik der Freiheit, verlangen von der Medizin Risikominderung für uns und empören uns über unverständliche Experimente und hohe Kosten. Einem jeden sitzt das Hemd näher als der Rock. Ohne den aber wird es kalt. Leben ohne die Erfahrung des Leids ist leider nicht zu haben, auch wenn manche denken, sie könnten sich leidfrei kaufen.

Am Ende der vom Kapitalismus anempfohlenen Strategie der Optimierung steht der geklonte Mensch. Er wird, sollte er in Mode kommen, das Glück nicht bringen. Denn alle Erfahrung spricht für Dürrenmatts Diktum: "Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen." Und es wächst im Zeitalter des Narzißmus das dumpfe Gefühl, daß alles Machbare seinen Preis hat. Deshalb erregt Dr. Seeds Projekt die Gemüter. Frankenstein, der göttliche Zuständigkeit beanspruchte, lebt in jedem fort, der sein Maß und seine Verantwortung nicht kennt.