Auf Olga Dmitrijewna Uljanowa in Moskau kommt eine delikate Erbschaft zu: Sie kann Anspruch erheben auf ein Sparbuch, das jüngst im Schweizer Kontendschungel aufgetaucht ist. Olga Uljanowas berühmter Onkel Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin hatte es einst bei der Zürcher Kantonalbank angelegt; auf dem Konto verblieben waren damals fünf Franken und fünf Rappen, woraus heute mit Zins und Zinseszins immerhin 109,30 Franken geworden sind.

Auch wenn Olga DmitrijewnaUljanowa das Geld gern hätte: "Ich habe bisher von der Bank keine Nachricht erhalten", sagt sie in einem Ton, der leicht beleidigt klingt. Onkel Lenin hatte sein stolzes Guthaben in Zürich belassen, als er im Frühjahr 1917 quer durch Deutschland nach Rußland reiste, um die Heimat umzukrempeln. Er ahnte nicht, daß er die Schweiz nie wiedersehen würde.

Olga Uljanowa war erst eineinhalb Jahre alt, als der schwerkranke, halbgelähmte Onkel im Januar 1924 starb. "Noch kurz vor seinem Tod hat er mich gehätschelt und geherzt", glaubt die Nichte sich zu erinnern.

Die Räume ihrer Wohnung unweit von Moskaus Prachtboulevard, der Twersker Straße, sind eine Art Onkel-Museum. Ein großes, aus Edelhölzern zusammengesetztes Lenin-Portrait schmückt das Arbeitszimmer. Es gibt hier Lenin als Porzellanteller, Lenin als Anstecknadel und, natürlich, Lenins Werke in vielbändiger Wucht. Auf dem Schreibtisch liegt - wie für das sozialistische Bilderbuch drapiert - die Prawda. Weniger Spuren hat der eigentliche Beruf der Wohnungsinhaberin im Arbeitszimmer hinterlassen: Olga Uljanowa ist Chemikerin im Ruhestand.

Als die heute 75jährige vor vier Jahren ihre Stelle an der Fakultät für physikalische Chemie der Lomonossow-Universität aufgab, hatte sie beschlossen, sich ganz der Vergangenheit zu widmen, genauer gesagt, der Vergangenheit ihrer berühmten Verwandten. Sie hat ein Buch über Lenin geschrieben ("Mein Onkel Lenin"), das auch in Rom erschienen ist, und inzwischen hat sie auch die Schriften ihres Vaters Dmitrij Uljanow herausgegeben. Die alte Dame schreibt regelmäßig in der Prawda - das sei "Ehrensache", gibt sie mit ihrer weichen Stimme zu verstehen. Im Gegensatz zu ihrem auf Photos stets miesepetrig dreinschauenden Onkel lächelt Lenins Nichte gern und häufig. Doch wie der Onkel hat auch sie einen starken Willen. Jedenfalls will sie mehr als nur sein Schweizer Bankkonto.

Die Uljanowa ist sich des Marktwertes ihrer kommunistischen Vorfahren in den Zeiten des Neokapitalismus wohl bewußt. "Ich habe noch viel zu tun", sagt sie sehr entschieden. Neben der Frau, die zu ihren schwarzen Lackschuhen einen roten Rollkragenpullover mit burgunderroter Hose trägt, wirkt der Ehemann wie ein Schatten. Fast lautlos huscht er durch den Empfangsraum, dessen verglaste Türen einen Blick in die anderen Zimmer der großzügig bemessenen Wohnung erlauben, und beantwortet für Olga die drängenden Telephonanrufe: von der Prawda-Redaktion oder auch vom italienischen Fernsehen.

Olga Uljanowa ist noch aus Zeiten, in welchen der Mehrheit der Russen eher Bedürfnislosigkeit befohlen war, einen gewissen Komfort gewöhnt. Ihre Eltern lebten seit 1923 im Kreml - "gleich neben Lenins Wohnung, heute ist dort die Residenz des russischen Präsidenten. Der Kreml war damals für einfache Fußgänger geschlossen, wir Kinder konnten also frei spielen", erinnert sie sich.