Auch Honduras will jetzt die Wehrpflicht abschaffen. Bleiben also eines Tages nur noch der Irak, Nordkorea und Deutschland. Ah, das ist Ideologie, ächte, wahre Ideologie. Wie schön, nach all dem Ende der Ideologien, daß etwas davon geblieben ist: dieser heiße Wille, Glaube und Entschluß, unergründlich unbegründbar und auf das schmiedeeisernste verankert im Geist des deutschen Volkes. Deutschland ohne Wehrpflicht? Niemals!

Hat übrigens nichts Republikanisches, die Wehrpflicht in Deutschland, dessen Armeen nie für Recht und Freiheit geschossen haben, sondern nur für König, Kaiser, Führer und ein stets zu kleines Vaterland. Wie überhaupt das Republikanische hierzulande ...

Der alte, abgenagte Verdacht. Immer wieder schleicht er sich an. Wie kömmt's?

"Hamburg 1945" ist das Heftchen lakonisch betitelt, 63 Seiten auf bräunlich-brüchigem Papier, erschienen im Johann Trautmann Verlag und gedruckt von Gustav Petermann, Hamburg 1945. Es enthält Reden der Bürgermeister Rudolf Petersen und Adolf Schönfelder und des Senators Heinrich Landahl aus den Tagen just nach der Kapitulation. Die Herausgeberin, die Deutsche Hilfsgemeinschaft, gestattet sich folgende Sätze zum Geleit, muß man ganz zitieren: "Diese kleine Schrift will Zeugnis ablegen von dem Schaffen Hamburger Männer, die in der schwersten Stunde Deutschlands ihr Amt antraten, um ihrer Vaterstadt im Kampf um den Wiederaufbau zu dienen. Sie ruft die schicksalsschweren Tage nach dem Zusammenbruch in unsere Erinnerung zurück und will uns mit den Reden beherzter Hanseaten in unserem Mut zum Kampf gegen die Not bestärken. Der Weg aufwärts wird dornenvoll sein, er wird uns nur langsam voranführen, aber er wird erfolgreich sein, wenn Tatkraft und Wille und Einigkeit uns lenken. Diese Zuversicht beseelt die Reden dieser Schrift, deren Erlös allein dem Zweck dient, den Opfern unserer Tage zu helfen, im Sinne des Wortes Rudolf Petersens: Je schwächer das Reich in seinen einzelnen Teilen, desto stärker das Volk in seiner inneren Verbundenheit!"

So fängt es an. So geht es weiter: Wir alle sind Opfer, wir alle "müssen schwer büßen für die Greueltaten eines Mannes, der es mit dämonischer Geschicklichkeit verstanden hat, dem tüchtigen, aber politisch unerfahrenen deutschen Volk seine Macht aufzuzwingen" (Petersen), wir alle müssen zusammenhalten. Hier und da wird zwanghaft das Wörtlein Demokratie eingeflickt, doch es liest sich wie ein fremdsprachiger Fachausdruck zwischen all dem Vaterland und Kraft und Kampf und Sauberkeit. Das Wort Republik fällt nicht. Das Wort Republik scheint es im deutschen Wortschatz des Jahres 1945 überhaupt nicht zu geben. Eine Republik wird nirgendwo auf diesen 63 Seiten herbeigewünscht, diese Staatsform scheint den Repräsentanten der deutschen Metropole gänzlich unbekannt zu sein.

Sicher, der Hunger, die Trümmer, in den Köpfen der Nazimüll. Und so ein Heftchen - ist ja auch nichts weiter als eine Stichprobe, ein zufälliger antiquarischer Moment. Aber schon schleicht sich der alte, abgenagte Verdacht wieder an. Gab es 1945 überhaupt (noch) Republikaner in Deutschland? Wäre man da nicht auch mit einem moderaten, honetten Militärdiktatürchen hoch zufrieden gewesen?

Große Rede ("Im Dienste der Wahrheit") zur "Wiedergeburt der Universität Hamburg" von Senator Landahl am 6. November 1945: "Und so darf ich nun Sie alle - Professoren, Dozenten, Studenten - aufrufen, ans Werk zu gehen zum Besten unseres schwergeprüften Volkes, zum Ruhme unserer ewig jungen Hansestadt Hamburg, zum erneuerten Glanze des deutschen Anteils an der abendländischen Kultur, zur Ehre des unsterblichen deutschen Geistes."