Als 14jähriger spaziert er mit Hornbrille, kariertem Holzfällerhemd und Stiefeletten durch Nürtingen. Mit 24 spielt er Provinztheater in Augsburg. "Gnadenlose Scheiße", wie er sich heute erinnert. Mit 27 steht er auf der Bühne des Düsseldorfer Kom(m)ödchens und macht sozialdemokratisches Kabarett; Textbeiträge für Lore Lorentz - das Leben kann grausam sein.

Dreizehn Jahre später ist Harald Schmidt der am höchsten dekorierte und bestbezahlte Entertainer des deutschen Fernsehens. Gleich zwei Grimme-Preise hat er gewonnen, zwei Telestars, einen Bambi, die Goldene Europa, den Goldenen Löwen und die Goldene Kamera. Die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache verpaßte dem Lieblingskind der Fernsehdemokratie sogar den "Medienpreis für Sprachkultur": für seine "respektlose Art, sein ständiges Spielen mit Vorurteilen und Klischees in der besten Nonsens-Tradition seit Ringelnatz und Morgenstern". Für den Moderator einer nach US-Vorbild abgekupferten Late Night Show eine vergleichsweise funkelnde Auszeichnung.

Aus zähem Draht gebaut, den spähenden Kopf vorgestreckt, grinst er seit zwei Jahren viermal die Woche mit hundert Schneidezähnen von der Bühne des Kölner Kinos Capitol in die Kameras von Sat.1. Unversiegt sprudeln die Quellen seines sinnenfrohen Hasses auf alles Provinzielle, auf Werte und "Gutmenschentum", Zeigefingermoral und vordergründigen Hintersinn.

Vom "Schnitzel-Schröder" erzählt er, von Stars und Sternchen und jenen, die sich dafür halten, von "Loddarmaddhäus", dem unverbildeten fränkischen Fußballrecken, von "Üzgür", seinem türkischen Chauffeur, den "dicken Kindern von Landau" und all den anderen Requisiten im Puppentheater der Late Night Show. Wenn er auf diese Weise die wahren "Tagesthemen" der Mediengesellschaft präsentiert, ist Schmidt der professionellste Showman der neunziger Jahre. Vergleichbar allenfalls noch mit WDR-Entertainer Götz Alsmann, den er an Witz und Schlagfertigkeit nicht erreicht, an Vermarktungstalent hingegen weit übertrifft.

Der Markenartikel Harald Schmidt bürgt heute für hochwertiges Entertainment, zeigt, was noch geht, wenn sonst nichts mehr geht. Als Spaß-Unternehmer auf der Suche nach der verlorenen Frechheit frönt Schmidt dem positiven Zynismus eines fröhlichen Realisten und füllt mit kalter Lust die Versorgungslücken der öffentlich-rechtlichen Humorproduktion. Nur er ist übriggeblieben vom bunten Haufen der frühen neunziger Jahre, als eine Generation neuer Komiker den Bildschirm von Kulenkampffs Nierentischhumor und Hallervordens Meisenkaiserei entrümpelte. Zusammengesackt wie ein zur Unzeit vom Feuer weggerissener Auflauf, gammelt der Rest trauriger als je zuvor. Von RTL-"Samstag Nacht" bis "Switch", vom "Quatsch Comedy Club" bis "April Hailer" - nichts als Kindergeburtstag.

Konzeptionell gesehen ist freilich auch die "Harald Schmidt Show" kein Höhepunkt der Fernsehkultur. Schmidt weiß selbst, daß die von ihm zu Ehren gebrachte Sendung im Vergleich zu "Schmidteinander", seiner besten öffentlich-rechtlichen Clownerie, höchstens Mittelmaß ist, auffällig allein in ihrer Unauffälligkeit. Dreißig bis vierzig zugelieferte Pointen in der ersten halben Stunde, ein zuvor abgesprochener belangloser Talk mit meist ebenso belanglosen Gästen - eine große Idee ist das nicht. Die geringe Quote von durchschnittlich unter einer Million Zuschauern belegt unmißverständlich die Tücke allabendlicher Fernsehpräsenz. Die meisten Zeitgenossen wollen nicht einmal ihren Ehepartner jeden Abend sehen, geschweige denn eine Fernsehfigur. Sieben Millionen Amerikaner, die Abend für Abend die Late Night Shows von Jay Leno oder David Letterman einschalten, können vielleicht nicht irren. Wohl aber deutsche Programmchefs, die glauben, was in den USA Erfolg hat, erfreue selbstredend auch bei uns.

Wenn über die wortreichen Selbstdarstellungen des Senders und die Abschreibgesetze der Medienwelt hinaus tatsächlich etwas Kluges an der Idee einer Late Night Show ist, dann allenfalls die Sendezeit. Späte Stunden schaffen Intimität, im Fernsehen wie im wirklichen Leben. Und weil das überwiegend jugendliche Publikum zu später Stunde jene Klientel ist, der Programmdirektoren zutrauen, für "Trends" und "Kult" zuständig zu sein, reklamieren sie fürs Late-Night-Geblödel Zeitgeistwerte, die sie anderen täglichen Sendungen absprechen. Hans Meiser und Ilona Christen mögen sich jeden Tag durch das Seelenleben ihrer Gäste rackern, so richtig in werden sie trotz dreifacher Sehbeteiligung nie. Und selbst die "Tagesschau" bleibt abgeschlagen zurück - trotz sechsmal höherer Zuschauerzahl, deutlich mehr Prominenz und den allemal böseren Pointen.