Vor wenigen Tagen war Richard Seed noch ein unbekannter Exzentriker, der seine Hypothek nicht mehr bezahlen konnte. Doch in der vergangenen Woche tauchte sein graubärtiges Gesicht auf Bildschirmen und in Zeitungen rund um die Welt auf. Der 69jährige Forscher aus Riverside, einem Vorort von Chicago, hatte in einem Radiointerview ohne Umschweife angekündigt, er wolle Menschen klonen. Moralische Zweifel plagten ihn als Kirchgänger nicht, fügte er gleich hinzu - im Gegenteil: "Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Sein Plan für die Menschheit ist, daß wir eins mit Gott werden. Und dies ist ein bedeutender Schritt in diese Richtung." Ein Sturm der Entrüstung folgte; der Mann handele "unverantwortlich, unethisch und unprofessionell", ließ Präsident Bill Clinton verkünden.

Trotz allen Getöses: Die Wirklichkeit ist wieder weiter als die Politik. Denn was in amerikanischen Reproduktionskliniken tagein, tagaus geschieht, kommt dem Klonen bereits recht nahe. Und unter amerikanischen Fortpflanzungsexperten macht sich die Meinung breit, das Klonen von Menschen sei in bestimmten Fällen sehr wohl akzeptabel. "Die Beweislast kehrt sich immer mehr um", meint Lori Andrews, Expertin für Fortpflanzungsrecht am Chicago-Kent College of Law. "Wissenschaftler sagen heute zunehmend: Warum sollten wir es nicht tun, wenn die Risiken nicht so groß sind?"

Seed will im Prinzip jene Technik auf Menschen anwenden, mit der der Forscher Ian Wilmut im Roslin-Institut im schottischen Edinburgh im vergangenen Jahr das Klon-Schaf Dolly auf die Welt gebracht haben will: Aus einem befruchteten menschlichen Ei soll das Erbmaterial entfernt und durch Gene eines unfruchtbaren Paares ersetzt werden. Er versichert, die Vorbereitungen für sein Projekt seien schon recht weit gediehen. Er habe bereits ein Team von Fortpflanzungsexperten um sich gesammelt und sogar schon Freiwillige gefunden. Nur das nötige Geld fehle noch - weswegen er seine Absichten jetzt auch öffentlich gemacht hat: Er hofft, risikobereite Investoren anzulocken. "Uns fehlen noch ein paar Millionen."

Seed vermeidet es allerdings, konkrete Fragen nach seinen Experimenten zu beantworten. Wie will er zum Beispiel die hohe Quote von Fehlversuchen in den Griff bekommen? Ian Wilmut und seine Kollegen unternahmen 277 Anläufe, bis Dolly entstand. Wer übernimmt die Verantwortung für Mißgeburten? Rund ein Drittel von Wilmuts Tieren, die auf die Welt kamen, war deformiert.

Doch diese Schwierigkeiten sind kaum geeignet, eine Persönlichkeit wie Seed von seinem Vorhaben abzubringen. "Er ist zwar exzentrisch, aber sehr intelligent und ein beeindruckendes Organisationstalent. Ihn haben immer schon Projekte gelockt, die andere vermieden haben", meint Harrith Hasson, oberster Gynäkologe am Weiss Memorial Hospital an der Universität von Chicago. In den siebziger Jahren entwickelte Seed mit seinem Bruder, dem Chirurgen Randolph Seed, als einer der ersten eine Methode, ein menschliches Embryo von einer unfruchtbaren Frau in eine fruchtbare zu verpflanzen. "Ich glaube, er könnte es schaffen", sagt auch Lori Andrews, die Seed bei einer Konferenz in Kiel in den siebziger Jahren kennengelernt hatte: "Damals hat er bereits all die Fortpflanzungstechniken beschrieben, die heute angewendet werden."

Andere werden freilich schneller sein, meint Andrews. Denn das Klonen von Menschen durchlaufe derzeit im Eilmarsch jene Akzeptanzphasen von Fortpflanzungstechniken, welche die Forscher Sophia Kleegman und Sherwin Kaufman schon vor dreißig Jahren erkannt hatten: entsetzte Ablehnung, Ablehnung ohne Entsetzen, tastende Neugier, Erforschung und schließlich langsame, aber stetige Zustimmung.

Der Wind dreht sich nicht zuletzt, weil die potentielle Nachfrage nach menschlichem Klonen groß ist - vor allem im Fortpflanzungsgewerbe: Angestoßen von Fortschritten in der Medizin, ist jenseits des Atlantiks in den vergangenen Jahren eine regelrechte Reproduktionsindustrie entstanden, die Milliarden umsetzt. Für Tausende von Paaren ist der Kinderwunsch zur teuren Sucht geworden: Sie versuchen eine Fortpflanzungstechnik nach der anderen und verpfänden dafür manchmal Haus und Hof. Eine In-vitro-Befruchtung kostet im Schnitt etwa 7800 Dollar. Für gespendete Eizellen legen sie oft das Doppelte auf den Tisch. Mehrere hundert infertility clinics bieten ihre Dienste an. 1995 wurden fast 60 000 Unfruchtbarkeitsbehandlungen mit Techniken aller Art durchgeführt, die in rund 11 000 Geburten resultierten.