Hoch oben auf dem Vail Mountain liegt im dunklen Wald ein Anwesen versteckt, das an eine überdimensionale Almhütte erinnert. Alle paar Minuten hält vor dem rustikalen Bau an diesem klirrend kalten Dezemberabend eine Schneeraupe, aus deren behaglich beheiztem Aufbau eine illustre Gästeschar steigt. Männer mit Stetsons auf dem Kopf, die unter ihren Ledermänteln buntkarierte Cowboyhemden und am Handgelenk Rolexuhren tragen, Damen, deren Nerze Designerkostüme verhüllen. Ihr Ziel in 3000 Meter Höhe ist der "Game Creek Club", die derzeit exklusivste Adresse in Vail, dem neben Aspen schicksten und teuersten Wintersportort Nordamerikas.

Bei gedämpfter Pianomusik, Kerzenschein und flackerndem Kaminfeuer nehmen die Dinnergäste ein exquisites Mahl ein. Keine billige Tafelrunde. Für die Aufnahme in den elitären Club haben sie 24 500 Dollar hingeblättert. Pro Jahr kommen noch einmal 1200 Dollar Mitgliedsbeitrag hinzu, was aber nicht bedeutet, daß darin die nicht unerhebliche Rechnung für die servierten Leckereien enthalten wäre. War es nicht schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben? Dafür können die feinen Damen und Herren aus New York, Chicago oder Beverly Hills sich unbeobachtet amüsieren. Nur dreimal in der Woche dürfen auch normale Urlauber in der noblen Atmosphäre tafeln 75 Dollar kostet das Fünfgängemenü, exklusive Getränke.

Der "Game Creek Club" ist eine der neuesten Attraktionen von Vail Resorts im Ringen um die Vormachtstellung im amerikanischen Skibusineß. Mit gewaltigen Investitionen hat sich das Unternehmen für den Kampf um die Wintersportler aus Amerika und aus Übersee gewappnet, der zwischen vier mächtigen Skikonzernen tobt - und das Schlachtfeld im Milliardenpoker ist Colorados Summit County. Allein Vail Resorts verkauft inzwischen jeden neunten Skipaß in den USA. Doch bei den Megadeals geht es nur vordergründig um das Skigeschäft. Im verborgenen blüht eine gigantische Immobilienspekulation mit Grundstücken, Zweitwohnungen und millionenteuren Ferienvillen.

Dabei werden die Blätter hoch gereizt, und es wird manchmal auch geblufft. Für 310 Millionen Dollar hatte sich Vail Anfang 1996 die benachbarten Skigebiete Breckenridge und Keystone einverleibt, Nummer zwei und drei in der Gunst amerikanischer Brett-Enthusiasten. Der anschließende Börsengang an die Wall Street spülte 288 Millionen Dollar frisches Kapital in die Kasse. Wo es nicht lange ruhte: 74 Millionen Dollar steckte das Management gleich wieder in neue Lifte, den Kauf exklusiver Hotels, eine weitere Artillerie modernster Schneekanonen und exklusive Serviceareale.

Skifahren in Amerika: eine andere Dimension. Im Vergleich mit den Alpen ist hier fast alles mindestens eine Nummer größer. Nicht nur die Berge sind höher, zwischen den über hundert Viertausendern in Colorado findet der Skizirkus auf 2255 bis 3962 Metern Höhe seine Bühne. Der bäuerlich-dörflich geprägten Fremdenverkehrswelt in den Alpen stehen hier finanzstarke, monopolähnliche Konzernstrukturen gegenüber, mit allen Unterschieden, die es zwischen dem Kirchturmdenken von Tal-Kaisern oder Provinzpolitikern und strategisch denkenden Managern gibt.

Aber ist es im Wilden Westen auch schöner? Wo immer man sich in Colorado auf die Piste schwingt, in Vail, Breckenridge oder Keystone, im exklusiven Promitreff Aspen, in Copper Mountain, Steamboat oder Telluride, entfaltet sich ein ähnliches Panorama: Vor dem Horizont der mit ewigem Schnee bedeckten Viertausender liegen, akkurat aufgereiht, die mit Tannen und Fichten dicht bewaldeten, sanften Peaks der Skigebiete, die fast an den Schwarzwald erinnern. Doch als hätte sich ein gewaltiger Rasierer ans Werk gemacht, mäandern hier breite, flach gewalzte Skiautobahnen durchs dunkle Gehölz, stürzen dort steile Buckelpisten talwärts, laden ein Stück weiter ausgedehnte Tiefschneehänge ein. Schmale Zubringer verbinden die Pisten, die Namen tragen wie Chicken Yard, Rasputin's Revenge oder Morning Thunder.

Unter den Kufen der Skifahrer staubt der vielgerühmte champagne powder, ein aufgrund der Höhenlage und der trockenen Luft federleichter Pulverschnee. Er kommt vorzugsweise nachts hernieder. Deshalb lacht in Colorado an 300 Tagen im Jahr unverhüllt die Sonne. Und sollten die üblicherweise üppigen Schneefälle einmal schwächer ausfallen, stehen allerorten computergesteuerte Artillerien von Schneekanonen bereit, die ihre Produktion vollautomatisch jedem kleinsten Wetterumschwung anpassen.