Ein klirrend kalter Dezemberabend in Manhattan. In einer riesigen Traglufthalle am Hudson River erstrahlen vier nagelneue Basketballfelder im gleißenden Licht der Deckenscheinwerfer. Auf den beiden hinteren Plätzen drängeln sich fünfzig, sechzig Leute: Kinder, Jugendliche, Erwachsene.

Am Spielfeldrand steht Richard Kirkland, genannt Pee Wee. Er hat den buntgemischten Haufen zum allwöchentlichen Training in seiner School of Skillz zusammengetrommelt. Pee Wee lächelt selig. Die zehnjährige Janet hatte gerade aus einem etwas holprigen Dribbling heraus den Ball in den Korb befördert. Der Wurf war alles andere als schulbuchmäßig - mehr Kugelstoßen als Basketball -, aber der Ball war drin, der Coach zufrieden und sichtlich gerührt.

Ein paar Sekunden später hat Pee Wee Kirkland Schaum vor dem Mund. Wieder ist die kleine Janet schuld: Sie hat beim nächsten Angriff den Ball verdribbelt, mit dem Kopf zuerst ist sie in zwei Abwehrspieler hineingerannt. Pee Wee schreit "Auszeit", rennt vier hektische Schritte Richtung Janet, bleibt abrupt stehen, mit dem gekrümmten Rücken einer angriffslustige Katze, und schreit Janet an, und zwar so, daß es auch ja alle hören können: "Mach gefälligst deine Augen auf! Du rennst wie ein Idiot den Platz runter, ohne zu wissen, wo du hinläufst!!!" Eine Wolke aus Spucke hat sich während seines Schreianfalls vor seinem Mund gebildet, sie glitzert in der weißen Hallenbeleuchtung. Aber das sieht Janet nicht, denn sie guckt mit großen Augen auf den Boden und nickt zweimal kurz.

Auf dem Nachbarplatz haben inzwischen die etwas älteren Teenager ihr Spiel begonnen. Fünf gegen fünf, hier wird nicht mehr probiert, hier wird gezaubert. Das Spiel fließt so schnell, daß man seinen Augen kaum traut. Turnschuhsohlen quietschen, das Aufschlagen des Balls auf dem Parkett gibt einen ständig wiederkehrenden Grundrhythmus, darüber die synkopierten Schritte federnder Füße, die knappen Zurufe:

"Hey!" - "Here!" - "Hit it!"

Scharfe Pässe, präzise Distanzwürfe, die Bälle rauschen auf beiden Seiten durch das Netz der Körbe, das Tanzen der zehn Köpfe, die Sprünge in den Luftraum über der Zone, virtuose Körperdrehungen zum Korbleger, das Federn des metallenen Korbrings - zoinngg!! -, wenn der Ball sein Ziel knapp verfehlt, ein Knall, wenn wieder jemand einen Rebound aus der Luft geangelt hat und den Ball mit demonstrativer Eindeutigkeit zwischen seinen Händen wie in einen Schraubstock spannt, die Ellbogen nach außen: Dieser Ball gehört mir. Der Einsatz, die Konzentration dieser Spieler sind ablesbar an Mundwinkeln, Schweißperlen, Augenbrauen. Derart nahe am Geschehen wirkt alles so atemberaubend schnell, daß die amerikanische Basketball-Profiliga NBA, wie man sie perspektivisch verzerrt im Fernsehen oder auf den billigen Plätzen im Stadion zu sehen bekommt, nur wie eine ferne, fade Erinnerung wirkt. Der Mythos Streetball, die freiere, wildere Form des Basketballs, erklärt sich zum Teil aus dieser optischen Täuschung.

Ein wahrer Streetballspieler kann, darf, will nicht glauben, daß die millionenschweren Profis der NBA schlicht besser sind als er. "Es gibt Leute, die sagen, Street Basketball ist kein richtiger Basketball", sagt Pee Wee nach dem Spiel, während sich seine Schützlinge am Spielfeldrand warme Wintersachen überziehen. Die Halle, die eben noch voller virtuoser Athleten war, ist jetzt voll mit Jugendlichen in HipHop-Klamotten.