Wenn ich morgens um halb acht beim Verlassen der Wohnung, schon auf der Treppe, das Telephon läuten höre, der Eile halber weiterrenne und wenig später bereits beim Betreten des Büros der gleiche melodische Gruß erschallt, dann weiß ich, daß wieder einmal ein neuer Bericht über das Menschenklonen den Äther beherrscht. Das Telephon wird den ganzen Tag weiterläuten, Journalisten werden wissen wollen, was die neue Tat bedeutet und ob ich abends an einer TV-Show über das Thema teilnehmen könnte.

Ich kann nicht und will nicht mehr.

Bisher beruhte die Aufgeregtheit der Öffentlichkeit immerhin noch auf seriös klingenden Mitteilungen; jetzt hat die Hysterie bereits die Verursacher der Tatarenmeldungen erfaßt. Ich kenne die wissenschaftlichen Meriten des Doktors nicht, der jetzt die Klonierungsklinik gründen will. Ich weiß nicht, ob er ein verwirrter Geist ist oder ein Spaßguerillero von der makabren Art derer, die Bombendrohungen erfinden und sich an der Hektik der scheinbar Gefährdeten weiden. Vielleicht ist er auch ein irregeleiteter Mensch mit guten Absichten, der klonierungswütigen Menschen auf eine künstliche Art, vielleicht durch Samenspende, heimlich zu dem Wunschkind verhelfen will - darauf vertrauend, daß niemand, wenn das Kind einmal geboren ist, dem Schwindel durch einen sofortigen Gentest nachgehen wird und, wenn doch, daß das Kind dann ausreichend menschliche Instinkte geweckt haben wird, so daß es niemand mehr ablehnen wird, wenn es kein Klon ist.

Fest steht jedenfalls, daß Klonierung bei erwachsenen Säugetieren nicht überzeugend nachgewiesen ist, bei Menschen mit Sicherheit nicht funktioniert und jeder Versuch dazu als fehlbildungsbedrohte Pfuscherei ethisch unverantwortlich und gesetzlich verboten wäre.

Selbst in den USA müßte die Polizei auf Anzeige hin einem solchen Treiben ein Ende bereiten, was jedem klar ist, der jemals die verdrehten menschlichen Organanlagen, falsch sitzende Zähne, Haare und Augen und weitere gräßliche Fehlbildungen im pathologischen Museum gesehen hat, die auf natürliche Weise und sehr selten bei Zwillingsschwangerschaften auftreten können, nämlich wenn etwas mit der Entwicklung eines Embryos in der Frühschwangerschaft schiefläuft. Damit experimentiert man nicht.

Die Regierungen mögen das Menschenklonen verbieten; es kostet nichts, es ist populär, es bringt nichts und ist vergleichbar zielorientiert wie ein Verbot der Einwanderung von Marsmenschen.

Ich frage mich nach den tiefenpsychologischen Ursachen für die regelmäßig wiederkehrende Aufregung über geklonte Menschen. Die Überlegungen weisen mich in zwei Richtungen, die auch beide nebeneinander gelten könnten: Der Erdkreis ist voll von Flüchtlingen und Vertriebenen, in Bosnien wurden Tausende gefoltert und vergewaltigt, der Mörder von Srebrenica läuft frei herum, in Ruanda werden in zwei Wochen eine halbe Million Menschen ermordet, in Algerien werden in einer Nacht den Bewohnern ganzer Dörfer die Kehlen durchschnitten, in Afrika und Asien verhungern oder sterben jährlich Millionen Menschen an Malaria und Tuberkulose und anderen besiegt geglaubten Geißeln - wir aber beklagen in Spitzenmeldungen Machbarkeitswahn und Utopien der Menschenzüchtung und verdrängen unseren kollektiven Unwillen, einzugreifen und zu handeln, wo Notwendiges tatsächlich machbar wäre.