San Francisco. Redaktionssitzung des Magazins Signal. Die nächste Ausgabe muß morgen abend zum Drucker, und Jerry, der Verleger, ist wie üblich noch nicht da. "Das ist so typisch", schimpft Ressortleiterin Rhiannon, die seit der ersten Ausgabe vor wenigen Jahren dabei ist. Endlich schneit Jerry herein, setzt sich still in die Ecke und lächelt sein sprichwörtliches, geheimnisvolles Lächeln.

Nachdem er keine Anstalten macht, die Sitzung zu eröffnen, ergreift Rhiannon das Wort und kündigt ein paar Titelzeilen für ihren Artikel über Junk-E-Mail an. "Soll ich sie vorlesen? Nun, ich dachte ..." - "Vergiß das Stück", unterbricht Jerry sie. Betretenes Schweigen. "Wie bitte?" erwidert Rhiannon entgeistert. - "Das Thema nervt. Das ist durch." Jerrys Entscheidungen sind sprunghaft, aber unverrückbar. Er erwähnt das Stück über Bill Gates, das eigentlich erst für die nächste Ausgabe vorgesehen war. "Das werden wir statt dessen nehmen", sagt Jerry, schlüpft aus dem Raum und schließt leise die Tür hinter sich.

Die fiktive Redaktionssitzung aus dem kürzlich erschienenen Krimi "Signal to Noise" von Carla Sinclair (HarperCollins, 22,50 Dollar) ist für Kenner der Multimediaszene leicht zu entschlüsseln. Das Magazin Signal, in dessen Dunstkreis der eher langweilige Krimi spielt, steht natürlich für Wired, und hinter Jerry Liebowitz, dem launischen Verleger, verbirgt sich niemand anderes als Louis Rossetto.

"Warum Wired?" Mit dieser Frage betraten Rossetto und sein Magazin im Januar 1993 die Szene. "Warum Wired? Weil die digitale Revolution durch unser Leben fegt wie ein bengalischer Taifun - und die Mainstream-Medien immer noch nach dem Schlummerschalter tasten", anstatt über "die Bedeutung und den Kontext von sozialen Veränderungen zu diskutieren, die so grundsätzlich sind, daß man sie wahrscheinlich nur mit der Entdeckung des Feuers vergleichen kann". In Wired dagegen, deklamierte Rossetto in seinem Manifest, solle es "um die heute mächtigsten Menschen auf diesem Planeten gehen - die digitale Generation".

Mit diesem fulminanten Entree der ersten Wired-Ausgabe begann der Siegeszug jener Zeitschrift, die seitdem zur gleichzeitig geliebten und gehaßten Ikone unter Medienarbeitern, Journalisten, Graphikern und Werbern wurde - das Zentralorgan, Hausblatt und Sprachrohr der "digitalen Generation". Atemlose Begeisterung für die neue Technik, eine fast religiöse Überzeugung, die Zukunft auf seiner Seite zu haben - das war die Grundlage des Erfolges. Mit wenig mehr bewaffnet als mit diesem Enthusiasmus und einem Dummy des geplanten Magazins antichambrierten Louis Rossetto und seine Partnerin und Lebensgefährtin Jane Metcalfe 1991 bei den Medienzaren in Manhattan und warben um Investoren für ihre Idee.

Sie haben keinen gefunden. Nicht 1991, nicht in New York. Das Land befand sich in der Rezession, und die "Datenautobahn" war noch eine vage, namenlose Idee in den Köpfen einiger Spinner. Rossetto und Metcalfe kamen gerade aus Amsterdam, wo der Verleger ihrer Fachzeitschrift Electric Word pleite gegangen war - nicht gerade ein gutes Omen. Rossetto erinnert sich an die Formulierung in einem Memo eines Verlagshauses: "Wenn wir ein Magazin produzieren wollten, das jede verlegerische Regel brechen und mit Gewißheit scheitern würde, dann wäre das Wired."

Frustriert kehrten Rossetto und Metcalfe New York den Rücken und gingen nach San Francisco, ins Silicon Valley - dort schlug das Herz jener Entwicklung, der sie Wired widmen wollten. Sie suchten ihre Investoren und Mitstreiter jetzt nicht mehr in der etablierten Presselandschaft, sondern dort, wo man ihre Mission verstand. Nicholas Negroponte, der Chef des Media Lab am MIT, und der Softwaremillionär Charles Jackson gaben ein wenig Startkapital. Die Designer John Plunkett und Barbara Kuhr, die schon den Dummy gestaltet hatten, waren ohne Erfahrung im Zeitschriftenlayout. Die Titelgeschichte der ersten Ausgabe, eine Reportage über virtuelle Kriegsführung, schrieb der Science-fiction-Autor Bruce Sterling. "Wir dachten, um so besser, dann kennt keiner von uns die Regeln, die man nicht brechen darf", erinnert sich John Plunkett.