Noch aus der Totengruft sorgt Giorgio Strehler, der am Weihnachtsabend 76jährig an Herzversagen starb, für Theaterdonner. Das Leben, eine Bühne.

Nach Eröffnung des Testaments fliegen in Mailand jetzt die Fetzen. "Krach in Chioggia" ist nichts dagegen. Eher erinnert der Streit zwischen der Witwe und der Geliebten an den "Kaukasischen Kreidekreis", an dessen Rand zwei Frauen sich feindlich gegenübersitzen. Jede reklamiert das Recht an Giorgio Strehler für sich.

Ein salomonisches Urteil mag die testamentarische Verfügung wohl nicht sein.

Oder doch? Im Mittelpunkt steht die Strehler-Villa bei Lugano, der Diamant in seiner Hinterlassenschaft. Die Ehefrau erbt, doch die junge Geliebte erhält ein lebenslanges Wohnrecht. Das verspricht, ein Drama mit viel Zunder zu werden. Der erste Akt ging derweil äußerst seicht über die Bühne, als Dreigroschenstück mit Dialogen wie aus der Regenbogenpresse. Die Witwe über ihre Nebenbuhlerin: "Eine Stundenliebhaberin war diese Signorina, mehr nicht." Von wegen, kontert die Geliebte: "Wir hatten schon die künstliche Befruchtung beschlossen." Der Schlagabtausch, das "Duell der Witwen", tragen die beiden in den Seiten der italienischen Tagespresse aus. Fast gleichlautend beginnen ihre Interviews noch im Tonfall angemessener Pietät.

"Nur Giorgios Kunst zählt für mich" (die Witwe). "Lassen wir Giorgio in Frieden ruhen" (die Geliebte). Um gleich danach vivacissimo wieder übereinander herzufallen. "Diese Frau hatte keine Liebe im Herzen. Mein Mann sagte zu mir: Sie ist mein Ruin, war's schon vom ersten Moment an. Doch er ließ sich von ihr betören, er kam aus der Geschichte nicht mehr raus" (die Witwe in einem Interview mit La Repubblica). "Sie lügt. Mit wem hat denn Strehler seine letzte Nacht verbracht? Mit mir. Und nicht mit ihr" (die Geliebte auf der gleichen Seite derselben Zeitung). Das Angebot der Liebhaberin, einen Waffenstillstand herbeizuführen, greift La Stampa geradezu dankbar auf. "Wir nehmen Sie beim Wort, Signora. Fangen Sie an!"

Ihr Leben mit Giorgio Strehler hatte für die heute 34jährige Mara Bugni vor acht Jahren an der Gepäckausgabe auf dem römischen Flughafen Fiumicino begonnen, läßt uns die hinterbliebene Liebhaberin erfahren. Es war ein Freitag und der 17. gewesen, eine Kalenderkombination, die jeden abergläubischen Italiener alarmiert. Die damals 26jährige griff denn auch augenblicklich zu. Giorgio Strehler, immerhin schon 68, mietete ihr auf Mailands Corso Venezia eine Mansarde, und so nahm denn die Liebe ihren Lauf.

Der Glücklichen angesichtig wird das italienische Leserpublikum dieser dramatischen Tage allerdings nicht in düsterer Dachstube im nebligen Milano, sondern auf den Farbseiten der Illustrierten Gente, die sie zum Phototermin in der Strehler-Villa in Lugano besuchte. Im "Nest, in dem wir unsere Liebe lebten", posiert die schlanke Blondine, den Arm auf Strehlers Flügel gelehnt, liebkost das herrenlos gewordene Hündchen Ugo Maria und blickt über Strehlers Buddhasammlung in die Kamera.