Das Geflüster ist am Ende doch laut geworden: Der deutsch-tschechische Schriftsteller Ota Filip hat in der sozialistischen Tschechoslowakei mit dem Geheimdienst (StB) zusammengearbeitet. Am 10. Januar 1998 strahlte das bayerische Fernsehen die Dokumentation "Der lachende Barbar" aus. Darin belegten nicht irgendwelche dubiosen Schriftstücke diese Zusammenarbeit, sondern lebende Zeugen - Filips ehemalige Kollegen aus einer Baubrigade der tschechoslowakischen Armee.

Im Jahr 1952 soll sie der damals zweiundzwanzigjährige Filip zur Fahnenflucht angestiftet und anschließend bei der Staatssicherheit denunziert haben. Das brachte den Beteiligten bis zu acht Jahre Arbeitslager. Die meisten landeten in den berüchtigten Uranbergwerken, ausgenommen Filip. 1970 hatte Filip im Gefängnis eine Verpflichtungserklärung für den Geheimdienst unterschrieben - nachdem er wegen seines Protestes gegen den sowjetischen Einmarsch zu achtzehn Monaten Haft verurteilt worden war. Eine kleine schmutzige tschechische Affäre?

Das würde wohl stimmen, wenn Ota Filip 1974 nicht nach Bayern ausgewandert wäre, um hier endlich zu Ruhm zu gelangen. Zu seinen zahlreichen Ehrungen gehört die Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Dank dieses Ruhms wurde Filip seit den siebziger Jahren in vielen großen deutschen Zeitungen - darunter bisweilen auch in der ZEIT - zum Herrscher über die Kolumnen für das Tschechische und Deutsch-Tschechische. Außerdem hat er sich in Deutschland als ein Experte für die tschechische Literatur etabliert.

Wieder einmal also schien ein Märchen wahr geworden! Das Märchen vom armen Hans, der bei seiner Wanderung zum Glück kam. Aus dem verfolgten tschechischen Schriftsteller Ota Filip wurde ein sehr gefragter deutsch-tschechischer Schriftsteller und Journalist. Eine Einmanninstitution!

Plötzlich erfahren wir aber, daß es sich im Märchen gar nicht um den armen Hans handelte, sondern um den bösen Wolf, der mit der Zeit zu einem Schaf mutierte. (Wir leben ja im Zeitalter der Gentechnologie.) Und so geht jetzt die kleine schmutzige Affäre alle an, nicht nur die Tschechen. Europas Geschichte ist nun einmal kosmopolitisch.

Vielleicht hat man gerade deswegen den Enthüllungsfilm "Der lachende Barbar" in deutsch-tschechischer Koproduktion gedreht. Als Autor und Regisseur ist zwar der deutsche Journalist Martin Möller für den Film verantwortlich. Doch zur Seite stand ihm Meir Lubor Dohnal, ein Unterzeichner der Charta 77, der seit 1978 in München lebt.