Wenn John Glenn die amerikanische Provinz bereist, ist ihm liebevolle Aufmerksamkeit gewiß. Schulkinder staunen ihn an, Veteranen salutieren, Honoratioren klopfen ihm auf die Schultern. Fernab der Metropolen wissen die Amerikaner noch, wie man einen Helden und Pionier feiert, der neue Grenzen gesetzt hat. 36 Jahre nach seinem ersten Ausflug in den Weltraum will es Amerikas populärster Astronaut nun noch einmal wissen. Im Oktober startet er zu einer neuen Mission ins All, als ältester Mensch, der je an einem solchen Abenteuer teilgenommen hat.

Wer Glenn kennt, wundert sich nicht über seinen Wagemut. Selbst mit 76 Jahren ist Fliegen für ihn noch immer das Schönste, und - je höher, je lieber. Weil ihm die Touren mit der eigenen Beachcraft auf Dauer wohl zu langweilig wurden, hat er die Nasa bedrängt. Zwei Jahre lang warb er um einen Platz im Spaceshuttle. Dann gaben die Raumfahrtchefs seinem Wunscht statt. Die Versuchung war einfach zu groß, mit dem Mann für die Weltraumfahrt zu werben, der die Nation einst von einem Trauma befreite. Das geschah 1962, als er im Weltraumrennen mit den Sowjets den Rückstand der Amerikaner durch seine drei Erdumkreisungen in der Mercury-Kapsel Friendship VII verringerte.

Sein Status als angesehener Senator hat Glenn sicher geholfen, die Raumfahrtbehörde zum großen Wagnis der Wiederholung zu überreden. Wer wird schon einem Politiker einen Wunsch abschlagen, der seit über zwei Jahrzehnten Washingtons einflußreichstem Gremium angehört? Wie läßt sich eine amerikanische Ikone zurückweisen, nach der im Land Legionen von Schulen und andere öffentliche Gebäude benannt sind? Was kann einem hochdekorierten Kampfflieger mit hundertfünfzig Einsätzen im Pazifik während des Zweiten Weltkrieges und im Koreakrieg schon Böses im Orbit widerfahren - selbst wenn er nach Lebensjahren ein Greis ist?

Seine Aufregung darüber, "daß ich wieder dabeisein kann", dürfte jedenfalls auch seine Frau teilen. Ohne ihr Plazet wäre die Rückkehr in die Umlaufbahn ohnehin kein Thema gewesen. Annie hat im Hause Glenn das Sagen, und der Gatte nimmt's gelassen, wie es seine Art ist. Die hübsche Frau war trotz ihrer leichten Stotteranfälle stets der zugänglichere Teil des Ehepaars, das die goldene Hochzeit längst hinter sich hat. Wenn Johns Puls ganz den niedrigen Werten eines Vollblutamerikaners aus dem Mittleren Westen entspricht, sorgt Annie für Druck. Sie hat in seine vielen Senatswahlkämpfe ihr Temperament eingebracht. Nur beim Anlauf zum Präsidentenamt der Vereinigten Staaten Anfang der achtziger Jahre blieb sogar ihr Durchsetzungswille ohne Wirkung.

Der gemäßigt liberale Demokrat John Glenn scheiterte an seiner allzu maßvollen Suada und Programmatik.

Wo ihm der politische Gipfelpunkt versagt blieb, kann er jetzt noch einmal einen anderen Zenit ansteuern. Der alte Mann und das All fügen sich schon vor dem Abheben der Discovery zu einer Legende. Fit ist er immer noch, der Oberst a. D., der sich mit Gewichtheben und strammem Gehen in Form hält. Ob der Sturz im Badezimmer vor über zwei Jahrzehnten Spätschäden in seinem Gleichgewichtssystem hinterlassen hat, wird sich spätestens bei den Härtetests im Weltraumzentrum herausstellen. Bis dahin lassen Glenns drahtige Erscheinung und sein Sommersprossen-Charme keine Zweifel an der Tauglichkeit zu. Die Ärzte der Nasa hegen sie ohnehin nicht.

Auch dem Verwaltungschef der Raumfahrtagentur bereitet das geriatrische Experiment keine Sorgen. "Amerikas neuester und ältester Astronaut", rühmt Dan Goldin, "verfügt über eine einzigartige Mischung aus Erfahrung, Kenntnissen und exzellenter Gesundheit." Als Forschungsobjekt kann Glenn auf jeden Fall einiges bieten. Die Spezialisten freuen sich schon darauf, die Wirkungen der Schwerelosigkeit auf Muskeln und Knochen, auf Kreislauf und Immunsystem so alten Datums zu messen. Vor allem der Vergleich mit seinen physischen Daten bei der ersten Mission verspricht interessante Erkenntnisse.