HAMBURG. - Wir Deutsche neigen dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Zum Beispiel bei der Wiedervereinigung: Mußten wir wirklich alles, was sich in der DDR bewährt hatte, abschaffen? Hätte nicht das eine oder andere für das vereinte Vaterland zum Nutzen aller übernommen werden können? Selbst die viel netteren ostdeutschen Ampelmännchen sind der Einheit zum Opfer gefallen und der grüne Pfeil für die Rechtsabbieger hat selbst in den neuen Bundesländern, wo man ihm hier und da noch begegnet, wohl keine Zukunft mehr.

Nun aber deutet sich erstaunliche Kunde an: Die IM kommen wahrscheinlich als gesamtdeutsche Erscheinung wieder. In der DDR gehörten die Informellen Mitarbeiter zu Schwert und Schild der Staatssicherheit, hier und heute sollen sie den Finanzämtern dienen. Dort befriedigten die IM die extremen Sicherheitsbedürfnisse des SED-Regimes, indem sie Mitbürger ausspähten, die man verdächtigte, den sozialistischen Normen nicht zu entsprechen. Hier dürfen sie nur nach Steuersündern fahnden.

Kein Fleiß ohne Preis: Die IM in der DDR erhielten für ihre Informationen vom sozialistischen Staat eine finanzielle Belohnung, oft aber auch einen Orden.

Hier sollen sie nur mit - allerdings saftigen - Prämien rechnen dürfen.

Mit den IM der DDR sollten die ins Auge gefaßten künftigen inoffiziellen Mitarbeiter unserer bundesdeutschen Finanzverwaltung natürlich nicht verglichen werden, auch wenn für beide die verdeckte Tätigkeit typisch ist.

Schließlich dienten die IM im SED-Staat einer Diktatur. Wohingegen die Informanten unserer Finanzämter allenfalls den erschlafften demokratischen Staatssäckel auffüllen werden. Die Unterschiede zwischen dem moralisch zutiefst verwerflichen denunziatorischen Verhalten der IM in der DDR und der als ethisch hoch anzuerkennenden staatsbürgerlichen Haltung der Informanten unserer Finanzämter liegen also auf der Hand, sind sozusagen klar wie Kloßbrühe.