Sehr nachdenklich ist der Thüringer Internist Rudolf Giertler in der vergangenen Woche von einem Symposium der Bundesärztekammer nach Hause gekommen. Es ging um die "Sterbebegleitung" - für Giertler kein theoretisches Thema. Wie etwa soll sich der Arzt entscheiden, wenn ihm die schriftliche Erklärung eines im Dauerkoma liegenden Patienten vorliegt, er wolle nicht mit einer Magensonde ernährt werden?

"Ich würde das akzeptieren", sagt Giertler - und zögert dann doch: "Aber hat man die Kraft, zuzusehen, wie ein Patient verhungert?" Der junge Tony Bland zum Beispiel, dem in England nach höchstrichterlichem Beschluß die Magensonde entzogen wurde, wog bei seinem Tod nur noch 37 Kilogramm.

Das Bonner Symposium der Mediziner war ein außergewöhnliches Ereignis: Erstmals in ihrer Geschichte hat die deutsche Ärzteschaft öffentlich eine geplante Richtlinie zur Diskussion gestellt. Im Publikum saßen 175 Mediziner, Juristen, Bundestagsabgeordnete, Apotheker, Vertreter von Pflegeberufen, der Deutschen Hospizhilfe, der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Abgesandte verschiedener Bonner Ministerien und der Deutschen Bischofskonferenz. Ihre Anregungen sollen voraussichtlich bis zum Sommer in die Richtlinie eingearbeitet werden. Der rege Zulauf hat seinen Grund: Der seit April vergangenen Jahres vorliegende Entwurf könnte die ärztliche Praxis stark verändern. Denn erstmals wollen die Mediziner den Behandlungsabbruch auch bei Patienten rechtfertigen, die noch gar nicht im Sterben liegen. Dazu zählen Menschen im Dauerkoma, Neugeborene mit schwersten angeborenen Fehlbildungen und unheilbar Kranke, die noch nicht die letzte Phase ihres Lebens erreicht haben. Maßgeblich für den Abbruch soll der erklärte oder mutmaßliche Wille der Patienten sein.

Ungewöhnlich ist nicht nur das Vorgehen, sondern auch der Zeitpunkt der Diskussion. Erst 1993 hatte der Vorstand der Bundesärztekammer die derzeit gültige Richtlinie beschlossen. Seitdem ist hierzulande die passive Sterbehilfe anerkannt, die Sterbenden unnötige Qualen, etwa durch intensivmedizinische Behandlung, ersparen soll: Ärzte sind nicht mehr verpflichtet, alles zu tun, um das Leben von Patienten im Endstadium ihrer Krankheit zu verlängern. Vielmehr dürfen sie Behandlungen abbrechen, wenn sie lediglich den Todeseintritt verzögern und keine Heilung mehr möglich ist. Das Ziel, Leiden zu lindern, etwa durch Schmerzmittel, kann derart im Vordergrund stehen, "daß eine daraus möglicherweise folgende Lebensverkürzung hingenommen werden darf".

Doch nur fünf Jahre nach diesem Beschluß sieht sich die Bundesärztekammer veranlaßt, von neuem über Leben und Tod nachzudenken. Die Entwicklungen im Ausland seien ein Grund dafür, erläuterte Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar dem Auditorium: Der australische Bundesstaat Northern Territory legalisierte als erster Staat der Welt vorübergehend die Tötung auf Verlangen. Und in der Schweiz dürfen Ärzte chronisch Kranke mit schwersten Hirnschädigungen verhungern oder verdursten lassen, wenn keine Aussicht besteht, daß sie wieder zu Bewußtsein gelangen. Derzeit wird sogar diskutiert, ob Schweizer Ärzte Patienten aktiv zum Tode verhelfen können, ohne dafür bestraft zu werden.

Auch in Deutschland verlagert sich die Diskussion. Der Bundesgerichtshof verhandelte 1994 den Fall einer 72jährigen Patientin, die nach einem Schlaganfall im Wachkoma lag und über eine Magensonde ernährt wurde. Um ihr Leiden zu verkürzen, hatten Sohn und Hausarzt das Pflegepersonal angewiesen, der Patientin nur noch Flüssigkeit zuzuführen. Die Frau, die sich nicht in einem lebensgefährlichen Zustand befand, wäre innerhalb von zwei oder drei Wochen verhungert. Doch das Pflegepersonal weigerte sich, der Anweisung zu folgen, und erstattete Anzeige. Das Landgericht Kempten verurteilte Sohn und Hausarzt daraufhin "wegen versuchten Totschlags in einem minder schweren Fall" zu Geldstrafen. Dieses Urteil nun hob der Bundesgerichtshof mit der Begründung wieder auf, die Einstellung der künstlichen Ernährung könne bei einem Patienten im unheilbaren Koma erlaubt sein, wenn diese Maßnahme durch den mutmaßlichen Willen des Patienten gedeckt sei.

Damit haben die Richter erklärt, daß ein Mensch selber bestimmen kann, was mit ihm geschehen soll, wenn er im Koma liegt.