Glaubt Fidel Castro an Gott? Diese Frage kann nur der Commandante selber beantworten. Vielleicht noch der Papst. Oder aber der brasilianische Dominikaner Frei Betto. Er ist der Geistliche, dem der kubanische Staats- und Parteichef am meisten vertraut. Gegenüber Journalisten lehnt Castro eine solche "öffentliche Beichte" ab. Auch der Papst habe ihn nicht danach gefragt, versicherte Castro im Vorfeld des Kubabesuches von Johannes Paul II.

Was sollte er auch anderes tun, als diesem Thema auszuweichen, setzte er sich doch mit einem klaren Ja oder Nein zwischen die Stühle seiner kommunistischen Partei und der katholischen Kirche. Frei Betto ist der einzige Mensch, dem gegenüber Castro sich ausführlich zu Fragen von Glauben und Religion, zum Verhältnis von Staat und Kirche geöffnet hat. Er hat ihm in diesem Punkt derart tiefen Einblick in seine Lebensgeschichte gewährt wie sonst niemandem.

Die beiden kennen sich so gut, daß Betto Castro häufig besucht und im Hintergrund den Papstbesuch auf Kuba mit vorbereitet hat.

Glaubt Castro an Gott? Eine Antwort kann man sich anhand einer "Indizienkette" nur selbst zurechtlegen. Es hat schon etwas zu bedeuten, wenn Castro seine Gedanken nicht einem kommunistischen Parteischreiber, sondern einem katholischen Ordensbruder und Anhänger der Theologie der Befreiung anvertraute. Castros Bekenntnisse aus dem Mai 1985 sind auf knapp 300 Seiten in dem Buch "Nachtgespräch mit Fidel" zusammengefaßt, das außerhalb Kubas kaum bekannt ist. Diese Gespräche enthüllen aufschlußreiche Details über Castros Verhältnis zur Kirche. Dem Dominikaner beichtete der inzwischen 71jährige Fidel Castro, daß er in seiner Kindheit und Jugend eine starke emotionale Bindung an den katholischen Glauben erfuhr: "Meine Mutter war eine eifrige Christin, sie betete jeden Tag, zündete immer Kerzen an für die Madonna und die Heiligen, richtete Bitten an sie, flehte sie an in allen Lebenslagen und legte Gelübde ab für jede kranke Person in unserer Familie oder für jede andere schwierige Situation." Während der Revolutionsjahre bis zum Sieg Ende 1958 hätten sowohl seine Mutter Lina Ruz als auch seine Großmutter "in jeder Phase des Kampfes mit seinen großen Risiken alle möglichen Gelübde abgelegt für unser Leben und für unsere Sicherheit." Daß Fidel Castro und sein Bruder Raúl den Kampf überlebt hätten, "dürfte ihren Glauben zweifellos vervielfacht" haben. "Ich habe die Kraft gesehen, die ihnen der Glaube gab, den Mut, den er ihnen einflößte, und den Trost, den sie aus ihren religiösen Gefühlen und Überzeugungen erhielten", sagte Castro dem Geistlichen.

So etwas geht nicht spurlos an einem Menschen vorüber, schon gar nicht in einer lateinamerikanischen Gesellschaft mit ihren ausgeprägten Mutter-Sohn-Beziehungen: Oft wird die Mutter wie eine Heilige verehrt. Zwölf Jahre lang wurde der junge Castro in den besten Jesuitenkollegien Kubas weitergeformt, Dolores in Santiago de Cuba im Osten des Landes und Belén in Havanna. "Ich befand mich unter Leuten, die ein Interesse hatten, den Charakter ihrer Schüler zu prägen ... Auf diese Weise wurde mir eine bestimmte Ethik vermittelt, gewisse Normen, und zwar nicht nur religiöse. Ich wurde beeinflußt von ihrer menschlichen Art, der Autorität der Lehrer und dem Wert, den sie bestimmten Dingen beimaßen. Die Jesuiten ... schätzen Werte wie Charakter, Geradlinigkeit, Offenheit, persönlichen Mut, die Fähigkeit, Opfer auf sich zu nehmen, und sie wußten diese Werte zu fördern ... Sie förderten den Sport, die Ausflüge, die Wanderungen, das Klettern in den Bergen. Nicht einmal ich selbst vermutete, daß ich mich darauf vorbereitete, später ein Guerillero zu werden."

Fidel Castro stammt aus dem rebellischen, dem "Wilden Osten" Kubas. Sein Vater Angel Castro war Ende des vorigen Jahrhunderts im kubanischen Unabhängigkeitskrieg gegen das Mutterland als spanischer Soldat aus Galicien auf die Insel gekommen. Er brachte es zu einem vermögenden Großgrundbesitzer, der über 10 000 Hektar Land bewirtschaftete. Am Fuße der Sierra Cristal nördlich von Santiago de Cuba baute er sich inmitten einer der schönsten Landschaften Kubas einen großen Hof mit eigener Schule, einem Laden, einer Molkerei, sogar einer Post und einem Telegraphenamt. "Finca Manacas" nannte er sein Reich, "Palmenhof". Dort lebten zu Fidels Kindheit unter dem Patriarchat seines Vaters etwa tausend Menschen. Damals beherrschten Banditen, das Faustrecht und die berüchtigte amerikanische United Fruit Company die rauhe Gegend. Auch im Hause Castro, so der amerikanische Castro-Biograph Hugh Thomas, ging es offenbar ziemlich primitiv zu. Vor der Haustür begegneten Fidel und seine Geschwister den armen Zuckerrohrarbeitern aus Haiti. Der Sohn willensstarker Eltern, die sich in dieser Umgebung täglich neu durchsetzen mußten, sagt später dem Geistlichen Frei Betto, er habe zu Hause eine "rigorose Ethik" vermittelt bekommen, "den Begriff des Guten und des Bösen, dessen, was richtig und was falsch ist".

Als Jugendlicher wiegelte Fidel Castro die Arbeiter gegen seinen Vater auf, den er als roh und rücksichtslos empfand. In dem Vater-Sohn-Konflikt spiegelte sich auch der Kampf der jungen, im Land geborenen Generation um eine eigenständige kubanische Identität. Fidel Castro hat viele Eigenschaften seines Vaters mit auf den Lebensweg bekommen: Er verhielt sich später genauso autoritär, wie sein Vater es war. Von seiner jesuitischen Erziehung konnte sich Castro, der in Jura promovierte, ebensowenig lösen. Auch wenn er später in schwere Konflikte mit der Kirche geriet, unter deren Kreuz er getauft wurde: Religion und Revolution waren für ihn stets miteinander verwandt . Bis heute spricht er gern über eine symbiotische Leidensgeschichte von Kirche und Kommunismus. Eine These, die er schon in den Nachtgesprächen mit Frei Betto aufstellte. "Ich bin davon überzeugt, daß dieselben Pfeiler, die heute die Basis für das Opfer eines Revolutionärs sind, gestern die Basis für das Opfer der Märtyrer für ihren religiösen Glauben waren. ... So wie die Kirche immer ihre Märtyrer und Helden gehabt hat, so hat auch die Geschichte jedes Landes ihre Märtyrer und Helden, die eine Art Religion bildeten. ... Aus meiner Sicht ist der Rohstoff für einen religiösen Märtyrer derselbe wie der für einen revolutionären Helden: ein uneigennütziger und selbstloser Mensch. Ohne diese Bedingungen gibt es und kann es keine religiösen oder politischen Helden geben."