Sie kam aus Prag. Prag wie Kafka, Prag wie Schwejk, Prag wie Jan Palach.

Als der sich vor beinah genau 29 Jahren auf dem Wenzelsplatz aus Protest gegen die Okkupation verbrannte, saß sie ein paar Meter weiter im Kino. Hätte er ge-schrien, sie hätte ihn gehört.

Sie ging nach Deutschland. Deutschland wie Arno Schmidt, Deutschland wie Uwe Johnson, Deutschland wie Münchner Abkommen. Als sie kam, war sie 26. Das war 1971, und es blieben ihr noch 26 Jahre zu leben, die Hälfte des Lebens.

Sie hat in ihrer Muttersprache kein Buch veröffentlicht. Das Deutsche hat sie nicht in der Wiege, sondern auf der Schulbank gelernt, die Erotik der Lexika und Wörterbücher hat sie seither nicht mehr losgelassen. Das Alphabet der Weltunordnung war ihr näher als das Innenleben der Menschen. Das Wörterbuch der Welt wichtiger als die Abgründe der Seele. Das Zittergras in ihren Büchern, die kieselhaltigen Seggen, die Buckelzirpen und die Moschusochsen, um das mindeste zu sagen, erzählen von ihrer Leidenschaft, die Dinge beim Namen zu nennen. So hat sie nie aufgehört, Vokabeln zu lernen. Besonders gefreut hat sie sich über drei Leser, die sich, um die "Fassade" zu lesen, eine Enzyklopädie gekauft haben. Die Welt ist, wie sie heißt.

Zunächst, Anfang der achtziger Jahre, gab es zwei kleine Bücher, Pappe mit rotem Rand, im Rotbuch Verlag erschienen, "Eine Schädigung" und "Pavane für eine verstorbene Infantin". Zwei Geschichten einer Verstümmelung, lakonisch und anarchisch, streng und übermütig zugleich. Politische Literatur in dem Maß, in dem Individual- und Kollektivgeschichte hier zusammengehören. "Eine Schädigung" ist Jan Palach gewidmet. Die junge Straßenbahnfahrerin Jana, die darin gefesselt und vergewaltigt wird, verzweifelt stellvertretend für ihre vergewaltigte Nation. Die junge Dozentin in der "Pavane für eine verstorbene Infantin" setzt sich im Namen aller Landsleute aus freien Stücken in einen Rollstuhl - eine Versehrte aus historischer Notwendigkeit. Nichts soll innen bleiben, alles Innere wird Zeichen, Rollstuhl, Fackel, Allegorie.

Das Münchner Abkommen von 1938, die russische Okkupation der Tschechoslowakei 1968 sind "die Quelle, das Urtrauma", aus dem sie schrieb. Sie sind das Gewicht, das den enzyklopädischen Leichtsinn, die kühne Phantasie, den szenischen Slapstick ihrer Romane auf den Boden der politischen Leidensgeschichte zurückbringt. Die Verlierer der großen Geschichte sind ihre Helden. Und mit ihnen alle Beladenen und Benachteiligten - die Hunde, die Frauen, die Behinderten, die Wehrlosen. Der Film über Grönland, den sie für das ZDF, nach Motiven ihres Romans "Treibeis", gedreht hat, geriet ihr zu einer Dokumentation über die Not der grönländischen Schlittenhunde. Sie könne, hat sie mir einmal gesagt, noch nicht einmal Brot wegwerfen.

Sie war eine Patriotin Mitteleuropas, einseitig, und blind verliebt. Die Verlust-Geschichte dieser geschundenen Weltgegend erzählen ihre Figuren wie einen Comic. Eingeklemmt zwischen den Russen und dem Westen - "übler gerade das, was man ansieht" -, lecken sie die Wunden ihrer Nationalgeschichte, überhäufen einander mit gelahrten Anekdoten. Es sind Trottel der Vergeblichkeit, gebildete Schwätzer und politische Moralisten, die sich in den Romanen "Die Fassade" und "Treibeis", Prag im Herzen, die Daten der Natur-, Zeit- und Kulturgeschichte auf der losen Zunge, mit babylonischem Eifer in Grund und Boden reden. Auf der Suche nach dem verlorenen Böhmen im Geiste reisen sie nach Grönland, nach Japan und Sibirien, hören die Gletscher kalben und die Fische schreien, ergehen sich in ihrem gehobenen Bildungsgeblödel, zitieren, collagieren, montieren und überpinseln die europäische Geschichte, wie es gerade kommt, und sind, solange Prag besetzt ist, überall am falschen Ort.