Im November 1919 legte das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eine Akte an "betreffend: Einsteins Relativitätstheorie".

523 Blätter wurden hier abgeheftet, bis die Akte im Oktober 1934 geschlossen wurde. Da war Hitler bereits fast zwei Jahre an der Macht und Einstein ebensolange im Exil.

Nun hat der Wissenschaftshistoriker und Soziologe Siegfried Grundmann, zur Zeit Gastdozent an der Berliner Humboldt-Universität, die Akte wieder aufgeblättert und viele der darin enthaltenen Dokumente - mit weiteren Archivmaterialien - in einem Buch zusammengetragen. Ihm geht es nicht darum, den großen Einstein-Biographien von Albrecht Fölsing (1993) und Armin Hermann (1994) eine weitere hinzuzufügen. Ihn interessiert vielmehr ein bestimmter Aspekt, nämlich "der Platz Albert Einsteins in der deutschen Politik", und dies in jener entscheidenden Periode zwischen ausgehendem Kaiserreich und heraufziehendem "Dritten Reich", die immer stärker ins Blickfeld der historischen Forschung rückt.

Einsteins Verhältnis zum Land seiner Geburt war von Anfang an ein zwiespältiges. Ende Dezember 1894, im Alter von fünfzehn Jahren, zog er von München zu seinen Eltern nach Mailand, weil er den Drill am Gymnasium nicht mehr aushielt. Zwanzig Jahre später, im März 1914, inzwischen Professor an der Technischen Hochschule in Zürich und durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der theoretischen Physik ein Gelehrter von Weltruf, kehrte er nach Deutschland zurück, nicht etwa aus Liebe zu seinem Heimatland, sondern weil ihm an der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin optimale Arbeitsbedingungen, zudem ein fürstliches Gehalt geboten wurden. Die schweizerische Staatsbürgerschaft behielt er allerdings bei. (Erst nach der Verleihung des Nobelpreises 1922 betrieb das Kultusministerium seine Einbürgerung.)

Einstein zählte zu den ganz wenigen Gelehrten, die sich im August 1914 nicht von der Kriegspsychose anstecken ließen. Er mokierte sich über seine Kollegen, die sich gebärdeten, "als wenn ihnen das Großhirn amputiert worden wäre". So geriet er - anders als sein Förderer Max Planck oder sein Freund Fritz Haber - auch gar nicht in Versuchung, den berüchtigten chauvinistischen "Aufruf an die Kulturwelt" vom Oktober 1914 zu unterzeichnen, der das Ansehen der deutschen Wissenschaft im Ausland nachhaltig diskreditierte. Einstein schloß sich dem pazifistischen Bund Neues Vaterland an. In den Überwachungsberichten des Berliner Polizeipräsidenten tauchte er fortan als "sehr reger Friedensfreund" auf. Dennoch wurde er Ende 1917, mit huldvoller Genehmigung Wilhelms II., zum Direktor des neuerrichteten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik ernannt. Die politisch motivierten Bedenken traten, wie Grundmann bemerkt, hinter "die Erwartung und Gewißheit" zurück, "daß Einstein weiterhin zum Ruhme Deutschlands und der deutschen Wissenschaft wirken" würde.

Begeistert begrüßte Einstein die Novemberrevolution von 1918. "Bei uns ist der Militarismus und der Geheimratsdusel gründlich beseitigt", schrieb er am 11. November. Doch das war ein Irrtum, wie er selbst bald erkennen mußte. Die wilhelminischen Machteliten erholten sich bald von ihrem Schock sie suchten nach Sündenböcken für die selbstverschuldete Niederlage und fanden sie in Juden, Linken und Pazifisten. Einstein war zwar nie Sozialist - er selbst bezeichnete sich einmal als "einen im weitesten liberal denkenden Demokraten" -, aber er empfand Sympathien für die entschiedene Linke, auch für Kommunisten. Und je deutlicher er dies bekundete, um so größeren Haß zog er auf sich. Seine Relativitätstheorie wurde als "Bolschewistenphysik" verunglimpft eine Anti-Einstein-Liga proklamierte 1921 die "Judenreinheit der deutschen Wissenschaft".

Bereits im Frühjahr 1919 rief ein Student in einer öffentlichen Versammlung aus: "Man müßte diesem Juden die Gurgel durchschneiden" - ein Beleg unter vielen anderen, daß der Antisemitismus der Vorkriegszeit sich inzwischen mit Mordlust aufgeladen hatte. Nach dem Attentat auf Reichsaußenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922 sagte Einstein einen Vortrag in Berlin ab, weil er sich dort seines Lebens nicht mehr sicher fühlte. "Nun hilft nichts als Geduld und Verreisen", ließ er Max Planck wissen. Und der merkte dazu an: "So weit sind wir also nun glücklich gekommen, daß eine Mörderbande ... einer rein wissenschaftlichen Gesellschaft ihr Programm diktiert."