Zu Recht sieht Grundmann in den vielen Auslandsreisen Einsteins zwischen 1920 und 1925, die in seinem Buch ausführlich dokumentiert werden, eine Art vorweggenommener Emigration. Der Gelehrte entzog sich auf diese Weise der gegen ihn gerichteten Hetze der Rechten. Für das Auswärtige Amt war der als Kriegsgegner politisch Unbelastete ein willkommener Emissär, der Deutschlands Willen zur friedlichen Zusammenarbeit glaubhaft demonstrieren konnte. Als seit Mitte der zwanziger Jahre der Boykott deutscher Wissenschaftler überwunden war und die außenpolitische Position Deutschlands dank Gustav Stresemanns Verständigungspolitik sich verbessert hatte, glaubte man in Berlin, auf Einsteins Dienste nicht mehr angewiesen zu sein. In diesen sogenannten goldenen Jahren der Weimarer Republik flauten auch die Angriffe auf Einstein ab, um dann Ende der zwanziger Jahre, mit der hereinbrechenden Wirtschaftskrise und dem Vormarsch der Nationalsozialisten, erneut aufzuflammen.

Während die bereits in Agonie liegende Republik immer weiter nach rechts driftete - und viele Wissenschaftler, Publizisten und Journalisten mit ihr -, entwickelte sich Einstein nicht, wie Grundmann meint, nach links, sondern blieb sich einfach treu. Er engagierte sich für die Liga der Menschenrechte oder auch für die Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland. Unermüdlich prangerte er die offene und verdeckte Aufrüstung Deutschlands an, setzte er sich für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ein. "Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann", so hat er später einmal seine Position umrissen, "dann verachte ich ihn schon er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde."

Im Juni 1932 rief Albert Einstein gemeinsam mit Heinrich Mann, Ernst Toller, Arnold Zweig und Käthe Kollwitz die SPD- und KPD-Führung zur Bildung einer antifaschistischen Einheitsfront auf - ein illusionäres Unterfangen, denn beide Parteien waren zu sehr in gegenseitigem Haß verbissen, als daß sie sich zu gemeinsamer Abwehr gegen die drohende Gefahr hätten formieren können.

Einstein weilte, als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, in Kalifornien. Innerlich hatte er sich bereits von Deutschland verabschiedet. Noch vor seiner Rückreise nach Europa gab er seinen Entschluß bekannt, nicht mehr nach Berlin zurückzukehren. Am 28. März, während der Überfahrt, erklärte er seinen Austritt aus der Akademie der Wissenschaften, und wenige Tage später beantragte er in Brüssel die Entlassung aus der deutschen Staatsbürgerschaft. Die Ausbürgerung wurde im März 1934 vollstreckt, darüber hinaus wurden Einsteins Konten und sein Haus in Caputh beschlagnahmt.

Die Nazipresse überschlug sich in Haßtiraden auf den Emigranten, und die Deutsche Gesellschaft für anschauliche Physik beeilte sich, am 20. April 1933 dem neuen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Bernhard Rust, einen Aufruf zu unterbreiten "mit der Bitte, den Kampf um die Befreiung deutscher Wissenschaft von jüdischen Einsteintheorien zu unterstützen und zu fördern". Doch so einfach war dieser Akt der "Befreiung" offenbar nicht. Denn noch im Oktober 1934 beschwerte sich einer der ärgsten Widersacher Einsteins, der Heidelberger Physiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard, bei Joseph Goebbels, daß der "Einstein-Klüngel" immer noch großen Einfluß unter Wissenschaftlern besäße, obwohl doch die Theorien des "pfiffigen Juden" auf "Unwahrheit" beruhten und "obendrein politisch schädlich" seien.

Und wie verhielten sich Einsteins Kollegen in der Akademie der Wissenschaften? Grundmann dokumentiert auch dieses trübe Kapitel. In einer offiziellen Erklärung vom 1. April 1933 distanzierte sich der Sekretär Ernst Heymann vom "agitatorischen Auftreten" Einsteins im Ausland, das im Widerspruch zu dem von der Akademie stets hochgehaltenen "nationalen Gedanken" stünde. Es gäbe, so hieß es, für diese "keinen Anlaß, den Austritt Einsteins zu bedauern".

Nur einer, Max von der Laue, protestierte gegen das eigenmächtige Vorgehen Heymanns die anderen stimmten zu oder schwiegen - unter ihnen auch Fritz Haber, der sich schon sehr bald selbst zur Emigration gezwungen sah. Einstein begrüßte in einem Brief dessen Entschluß: "Hoffentlich gehen Sie nicht nach Deutschland zurück. Es ist doch kein Geschäft, für eine Intelligenzschicht zu arbeiten, die aus Männern besteht, die vor gemeinen Verbrechern auf dem Bauche liegen und sogar bis zu einem gewissen Grade mit diesen Verbrechern sympathisieren." Selten ist über die deutsche akademische Elite der Weimarer Republik treffender geurteilt worden.