Eine gelungene Provokation

Yoram Kaniuk: "Von Scheiterhaufen zu Scheiterhaufen", ZEIT Nr. 2

Yoram Kaniuk ist ein brillanter Advocatus Diaboli und ein noch größerer Schriftsteller. Und keiner bringt seit Jahren das komplexe deutsch-jüdische Verhältnis so unendlich reflektiert wie grenzenlos widersprüchlich auf den Punkt, weil er sich nie zufriedengibt mit dem Stand der jeweiligen Diskussion.

Dabei hat Kaniuk naturgemäß kein Interesse an Objektivität und schafft es auf diese Weise - durch vermeintliche oder echte Ungerechtigkeiten - immer wieder, daß sich die am deutsch-jüdischen Dialog Beteiligten nie selbstgerecht auf ihren Lorbeeren ausruhen können. Kaniuk reibt Salz in die Wunden, und dafür muß man ihm dankbar sein.

In seinem (übrigens vor historischen Fehlern strotzenden) ZEIT-Essay allerdings konterkariert er das, was er doch letztlich auch nicht verhindern will: die fortlaufende Diskussion zwischen jüdischen und deutschen Schriftstellern. Natürlich ist es gefährlich und undankbar zugleich, im Haus des Henkers vom Strick zu reden, wie Yoram Kaniuk es mit schöner Regelmäßigkeit alle Jahre wieder bei den Autorentreffen formuliert.

Offensichtlich aber kann er es auch nicht lassen, sich einmal jährlich für die "Putzkolonne des deutschen Gewissens" (wie er selber es nennt) anwerben zu lassen: mit einem Automatismus, dem gewisse masochistische Züge nicht abzusprechen sind.

Gabriele Weingarten, St. Martin

In seinem Artikel hat mein Freund Yoram Kaniuk mich endgültig davon überzeugt, daß das Autorentreffen in Speyer wichtig und wertvoll war.

Eine gelungene Provokation

Denn wenn ein Treffen Kaniuk zu so vielen interessanten Gedanken angeregt hat, hat es doch einen Sinn gehabt. Im Gegensatz zu Kaniuk lebe ich nicht in einer Welt von Scheiterhaufen und Pogromen. Für mich ist die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit. Und auch die Vergangenheit kann man verschieden betrachten. (Man sagt bei uns, daß sich in Israel nichts verändert außer der Vergangenheit.) Eine düstere Weltanschauung führt zu nichts als Resignation und Verzweiflung, sie opfert die Zukunft auf dem Altar der Vergangenheit. In seiner Arbeit für den Frieden bestätigt ja auch Kaniuk, daß auch er nicht an einen totalen Pessimismus glaubt.

Treffen von deutschen und israelischen Autoren, wie auch zwischen israelischen und palästinensischen, sind schon beinahe zu Routine geworden.

Die Idee von Hans-Georg Meyer, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, eine Dreier-Diskussion zustande zu bringen, ist neu und sinnvoll, denn sie kann zu neuen Erkenntnissen führen. Der historische Zusammenhang ist ja klar - der moderne Zionismus war eine direkte Reaktion auf den modernen Antisemitismus Palästinenser bezeichnen sich gern als die "Opfer der Opfer". Auch eine Debatte zwischen Israelis und Palästinensern im fernen und schönen Speyer ist sinnvoll, denn wenn man sich in Ramallah oder Bethlehem trifft, steht man unter dem Eindruck der unmittelbaren Ereignisse und reagiert auf die schlimmen Dinge, die jeweils gestern geschehen sind. Die Distanz ermöglicht es, manchmal den Blick zu heben.

Daß die deutschen Autoren dazu neigen, sich zurückzuhalten, wenn Israelis und Palästinenser sich streiten, finde ich falsch. Eine bestimmte Art von Philosemitismus sieht mir wie die Kehrseite des Antisemitismus aus. Wir wollen keine positive Sonderbehandlung, so wie wir die grauenvolle nicht wollten. Uri Avnery, Tel Aviv

Was für ein Unfug, der Artikel des Herrn Kaniuk! Grundmeinung scheint zu sein: Hitler war immerzu am Werk, historische Daten sind beliebig zu verwenden, auf ein paar Jahrhunderte kommt es nicht an: Nazis von 900 bis 1945.

Jürgen Leibfritz, Nersingen

Der Dom zu Speyer mag Kaniuk bombastisch erscheinen, uns nicht. Gerade hier sind die Interdependenzen zwischen dem städtischen, bischöflichen und jüdischen Speyer stark prägend. Insofern sind Speyrer Juden für mich nicht Hebräer, also Vorübergehende, sondern Heimgekommene, Bleibende. Frank Fuchs, Neuhofen

Eine gelungene Provokation

Wenn Yoram Kaniuks Beitrag den Eindruck vermittelt, daß sich im Nahen Osten bereits ein Dialog zwischen israelischen und palästinensischen Autoren etabliert hätte, so ist das falsch. Es gibt zwischen einzelnen Vertretern, zu denen in Israel in erster Linie Uri Avnery und Kaniuk selbst gehören, einen Dialog. Auf institutioneller Ebene gibt es ihn nicht. Darüber hinaus sollte nicht unerwähnt bleiben, daß der größere Teil der israelischen und palästinensischen Teilnehmer nach eigener Auskunft den ersten Kontakt miteinander bei dem Trialog von 1994 in Bad Kreuznach hatten und sich erst danach einige direkte Begegnungen ergaben. Und auch jetzt noch begegnen sich viele israelische und palästinensische Autoren nur im Rahmen des Trialogs.

Das unter den anwesenden palästinensischen Kollegen jemand gewesen sein soll, der "von einem israelischen Teilnehmer zum erstenmal hörte, daß es einen Holocaust gegeben hat", ist eine vollkommen absurde Unterstellung, die hoffentlich nicht zu neuem Beleidigtsein führt.

Dr. Klaus Wiegerling, Kaiserslautern

In Speyer gibt es mehr Zeugnisse jüdischen Lebens als ein paar jüdische Grabsteine im Museum. Unweit des Domes kann der Besucher die ältesten sichtbaren Überreste einer Synagoge und ein vollkommen erhaltenes jüdisches Ritualbad (beide Anfang des 12. Jahrhunderts erbaut) bewundern, eine Sehenswürdigkeit, die immerhin von über 40 000 Besuchern aufgesucht wird, darunter auch jüdische Menschen aus der gesamten Welt.

Bischof Rüdiger gab 1084 jüdischen Flüchtlingen aus Mainz einen Siedlungsplatz und stattete die Judengemeinde mit weitreichenden Privilegien aus, wodurch sie wirtschaftlich und rechtlich besser gestellt war als die nichtjüdische Bevölkerung. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie keineswegs durch Fleischverkauf an die nichtjüdische Bevölkerung, dessen Erträge wohl kaum zur Finanzierung des Domumbaus relevant gewesen waren. Die Speyrer Juden waren Fernkaufleute und Bankiers, hochgebildete Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen, international anerkannte rabbinische Autoritäten, Lehrer in religiösen Hochschulen, Autoren religiöser Texte, Lieder und Schriften, zumindest in der Blütezeit der Gemeinde vom 11. bis 13.

Jahrhundert.

Die neuzeitliche Judengemeinde Speyers entstand infolge der Angliederung des linken Rheinufers an die Französische Republik zwischen 1795 und 1801. Als Bürger Frankreichs waren Juden zum erstenmal der nichtjüdischen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt. Im Gegensatz zur Aussage Kaniuks gab es im 19.

Eine gelungene Provokation

Jahrhundert keine Judenvertreibungen in Speyer. Besonders in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hatten Juden zunehmend Anteil am politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt und wirkten segensreich auch zum Wohl ihrer nichtjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Daß neues jüdisches Leben in der Stadt entsteht, bedarf nicht der Anwesenheit von Herrn Kaniuk. Bereits 1996 haben sich jüdische Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion in Speyer organisiert. Um die Bedeutung der mittelalterlichen Judengemeinde wissend, versuchen sie, an die Traditionen der früheren Gemeinden anzuknüpfen.

Dr. Werner Transier (Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft), Speyer

Gewiß, nach dem Krieg haben wir den Opfern des Holocaust Denkmäler gesetzt und Wiedergutmachung gezahlt, und damit glauben wir, die Sache sei für die Juden erledigt. Doch sie erinnern sich an die Geister, die seit Jahrhunderten in den nichtjüdischen Köpfen spuken und die immer wieder zu den Judenpogromen geführt haben: Die Juden sind Gottesmörder wir, die nichtjüdischen Christen, sind das wahre Israel wir haben das geistliche Erbe Israels angetreten wir haben den Segen Abrahams geerbt, während auf den Juden ein Fluch liegt die Christen sind die Vollstrecker der Rache Gottes.

Vor dieser gefährlichen Arroganz warnt der Apostel Paulus die nichtjüdischen Christen in Rom: "Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich ... Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes (betreffs der Juden) sind unbereubar" (Römer 11, 21 und 29).

Karl Josef Schneider, Ravensburg

Durch ein Versehen ist bei dem Kaniuk-Text die Übersetzerin nicht genannt worden. Es handelt sich um Beate Esther von Schwarze. D.Z.