Selten findet Lord Jenkins, Chancellor der Universität Oxford, derart drastische Worte: Es wäre ein "perverser Akt nationaler Selbstverstümmelung", die Weltklasse der Universitäten Oxford und Cambridge aufzugeben, wetterte er in der englischen Zeitung Guardian.

Seit Monaten streitet die britische Öffentlichkeit darüber, ob der Staat auch weiterhin hundert Millionen Mark Sondermittel in die beiden berühmten Bildungsstätten pumpen soll. Dabei geht es um Privilegien, um Förderung einer akademischen Elite und die Frage, ob sie mehr staatliche Mittel beanspruchen darf als andere Institutionen.

Zwei Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber: Die einen sagen, es sei schlicht ungerecht, daß die beiden alten Universitäten für jeden ihrer Studenten mehr Geld vom Staat erhalten als die übrigen Hochschulen im Land.

Andere, wie Lord Jenkins, argumentieren, Oxford und Cambridge zählten zu den acht besten Universitäten der Welt, und diese Qualität habe ihren Preis. Bei einer radikalen Kürzung, fürchten Vertreter der Universitäten, könnte das ganze System aus den Fugen geraten, das Oxford und Cambridge zu ihrem Weltruf verholfen hat.

Zur Zeit berät das Erziehungsministerium hinter verschlossener Tür, ob die beiden Unis ihr Geld tatsächlich wert sind, "value for money" heißt die Devise, die Labour ausgegeben hat. Effizienz ist gefragt, auch in der höheren Bildung. "Wir hatten genug öffentliche Debatten", erklärt ein Sprecher die offizielle Geheimniskrämerei. Verschiedene Optionen würden geprüft. Wie sie genau aussehen, weiß keiner.

Bei dem Streit geht es um die College-Gebühren, die Studenten in Oxford und Cambridge bezahlen müssen und die sie bis jetzt noch (und seit den sechziger Jahren) vom Staat bekommen. Damit kostet jeder Oxbridge-Student den Fiskus knapp 6000 Mark mehr pro Jahr als andere Hochschüler.

Dieses Privileg hat viel mit der eigentümlichen Struktur der beiden Universitäten zu tun, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hat.

Im Zentrum des akademischen Lebens stehen dort die Colleges, von denen es in Oxford 39, in Cambridge 31 gibt. An jedem von ihnen lernen und lehren einige hundert Studenten und deren Professoren. Sie sind private Einrichtungen mit eigenem Vermögen, das sie im Lauf der Jahre in Form von Land, Immobilien oder Aktien erworben haben. Die Colleges organisieren das Studium, während die Universität als übergeordnete Institution Prüfungen abhält, Zeugnisse verleiht und die Forschung verwaltet.

Mit den umstrittenen staatlichen Mitteln finanzieren die Colleges ihr tutorial-System, eine dort seit Jahrhunderten praktizierte Unterrichtsmethode, die vielen als Garant für eine der weltweit besten Hochschulausbildungen gilt. David Phillips, neunzehnjähriger Jurastudent am College St. Edmund Hall in Oxford, erklärt, wie das tutorial-System funktioniert. Die juristischen Fälle, die er in der College-Bibliothek durchackert - manchmal vierzig Stück in zwei, drei Tagen -, diskutiert er dann in Essays, die er mit seinem Professor und zwei weiteren Studenten bespricht. Diese einstündigen Streitgespräche heißen tutorials. In neun Wochen verfaßt Phillips im Durchschnitt zwölf Essays von etwa fünf Seiten.

"Das ist Streß", sagt er. Aber Oxford ohne tutorials? "Das wäre ein Desaster." Intensiver und effizienter kann ein Studium seiner Meinung nach nicht sein.

Doch nicht nur das tutorial-System als zentrale Lehrmethode ist aus der Sicht der Universiäten gefährdet. Sie haben noch eine ganze Reihe anderer Argumente zusammengetragen, um zu beweisen, daß Oxbridge sein Geld wert ist. So kostet die Ausbildung eines Studenten in Oxford bis zum ersten Abschluß nur halb soviel wie etwa in Harvard, Yale oder Stanford. Dabei sind die Rate der Studienabbrecher sehr gering und die Qualität von Forschung und Lehre exzellent, wie unabhängige Beurteilungen belegen.

Tatsächlich geben die Colleges für die Lehre mehr Geld aus, als der Staat ihnen bewilligt, rechnet der Ökonom Roger Van Noorden vor. Rund 24 Millionen Mark steuern sie aus ihrem Privatvermögen für die Ausbildung der 10 000 undergraduates bei, die in Oxford ihren ersten Abschluß machen. "Damit subventionieren wir die staatliche Bildung, nicht umgekehrt."

"Verlieren wir fünfzig Prozent der staatlichen Mittel", sagt Stephen Tumin, Principal von St. Edmund Hall, "dann wäre das für eine ganze Reihe von Colleges eine Katastrophe." Manche wüßten dann nicht mehr, wie sie ihre Dozenten und Professoren, die langfristige Verträge haben, bezahlen könnten.

Einzelne gingen bankrott. Andere müßten drakonisch sparen, was fatale Folgen für den akademischen Nachwuchs hätte. "Als erstes werden wohl die Junior Research Fellowships gestrichen", vermutet Peter Jones von der Universitätsverwaltung Oxford. Diese ein- bis zweijährigen Forschungsverträge für junge Wissenschaftler sind der Einstieg in eine akademische Laufbahn.

"Wenn die wegfallen", so Jones, "zerstören wir den Aufbau unserer künftigen akademischen Generation." Nur wenige sehr reiche Colleges wie St. John's in Oxford oder Trinity in Cambridge könnten wohl auch ohne staatliche Mittel problemlos weiterarbeiten. Allerdings würden sie dann deutlich weniger Studenten aufnehmen, fürchten Verfechter des Status quo.

Denkbar wäre, daß die Colleges den finanziellen Verlust durch private Studiengebühren wettmachen. "Dann aber würde dies zunehmend ein Platz für die Reichen", sagt Simon McDougall, Vorsitzender der Oxford University Student Union. Genau das möchte Labour verhindern. Die Partei hat stets darauf bestanden, daß sich Oxford und Cambridge allen Schülerschichten öffnen.

Bisher kommt die Hälfte der Studenten von teuren Privatschulen, obwohl dort nur etwa acht Prozent aller Schüler unterrichtet werden. Eine ungerechte Privilegierung der Oberschicht, schimpft Labour. Tony Blairs Regierung steht vor einem Dilemma: Will sie einen breiteren Zugang zu beiden Spitzenuniversitäten fördern, so müßte sie weiter für Oxbridge zahlen. Die Debatte über Kürzungen steht in einem seltsamen Verhältnis zum erklärten Labour-Ziel, künftig weiter in den Hochschulsektor zu investieren, denn die Studentenzahlen sind auch in Großbritannien sprunghaft angestiegen. Entschied sich 1980 nur jeder achte eines Jahrgangs für ein Studium, tut dies heute rund jeder dritte. 1996 verzeichneten britische Hochschulen über eine Million Studenten.

Im Erziehungsministerium gibt es Versuche, eine einheitliche Finanzierung aller Universitäten durchzusetzen. Doch von dieser egalitären Linie, die eher für Old Labour steht, scheint Regierungschef Tony Blair, der selbst im St.

John's College in Oxford studiert hat, nicht begeistert zu sein. Der Premier, heißt es, habe sich inzwischen hinter die beiden Universitäten gestellt.

Damit ist der Plan, den gesamten Zuschuß für Oxbridge zu streichen, vermutlich vom Tisch. Doch der Ausgang des Streits ist ungewiß. Inzwischen gilt es als wahrscheinlich, daß beide Universitäten einen Teil ihrer zusätzlichen Mittel behalten, dafür aber mehr Schüler aus Staatsschulen aufnehmen.