Die obersten Verwaltungsrichter ließen keine Gnade walten: Mülheim-Kärlich, der sieben Milliarden Mark teure Atomreaktor von Deutschlands größtem Stromproduzenten RWE, bleibt ein Schwarzbau. Die Genehmigung zum Bau des Meilers bei Koblenz sei rechtswidrig, weil das Erdbebenrisiko seinerzeit nicht ausreichend gewürdigt worden sei, begründete das Bundesverwaltungsgericht in der vergangenen Woche den juristischen Super-GAU. "Der schlimmste Fall, der uns passieren konnte", gab Werner Hlubek, Vorstandsmitglied der RWE Energie AG, unumwunden zu. Mülheim-Kärlich wurde vor zehn Jahren nach nur kurzem Betrieb zwangsweise stillgelegt.

Seitdem kämpft der Energieriese darum, den Meiler wieder ans Netz anschließen zu dürfen - zur Freude der Atomgegner bisher vergeblich.

Dennoch wäre es voreilig zu glauben, die Strommanager aus Essen gäben sich im Kampf um die nukleare Stromfabrik bereits geschlagen und würden in ihrer Energiepolitik nun "endlich umdenken", wie Greenpeace von ihnen forderte.

Viel lieber als der Abriß des Meilers wäre es ihnen, entweder vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen oder mit einem neuen Genehmigungsverfahren doch noch grünes Licht für den Betrieb zu bekommen. Erst die penible Analyse der schriftlichen Urteilsbegründung wird allerdings über die weitere Konzernstrategie entscheiden.

Der Grund für die trotz allen Ärgers weiter bestehende Vorliebe zur Inbetriebnahme: Mülheim-Kärlich ist abgeschrieben, die Kapitalkosten haben die RWE-Stromkunden bereits bezahlt. Dürfte der Meiler doch noch irgendwann ans Netz gehen, wäre die Stromproduktion deshalb "konkurrenzlos billig", wie ein RWE-Sprecher sagt. Bisher galten die Strommonopolisten zwar nicht gerade als Hort küh- ler Rechner fehlender Wettbewerb und eine völlig überforderte staatliche Preisaufsicht erlaubten es ihnen vielmehr, ihren Kunden sämtliche Kosten einfach aufzubürden. Die nahende Liberalisierung des Strommarktes bereitet dieser Kostenumlegermentalität jedoch ein Ende. Obwohl neugebaute, kapitalintensive Kernkraftwerke (KKW) im Wettbewerb nicht gerade ein Renner sein werden - für bereits abgeschriebene KKW gilt das nicht.

Mit eigenen und konzernverbundenen Anlagen verfügt RWE über eine installierte Kraftwerksleistung von gut 22 000 Megawatt (MW). Um die Nachfrage zu decken, hat RWE allerdings darüber hinaus weitere 4500 MW mit konzernfremden Unternehmen fest kontrahiert. Ein Teil davon, so die Logik der Manager, könnte durch Mülheim-Kärlich (1300 MW) kostengünstig ersetzt werden. Noch erscheint der Aufruf von Umweltschützern deshalb voreilig, nach dem Aus für die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und für den Schnellen Brüter in Kalkar den Richterspruch zu Mülheim-Kärlich als "dritte Milliardenpleite der Atomindustrie" zu feiern.

Dennoch: Die Bonner Atomministerin Angela Merkel, die nach Ansicht ihrer im Bundesver-band Christliche Demokraten gegen Atomkraft (CDAK) vereinten Parteifreunde dem "Ladenhüter Atomkraft bei der Sicherheit erheblichen Rabatt einräumt", fürchtet nach dem Urteil negative Folgen für den Standort Deutschland. Das pikante dabei: Der Kardinalfehler im Genehmigungsverfahren für Mülheim-Kärlich geschah, als einer ihrer engsten politischen Freunde Ministerpräsident in Mainz war: Helmut Kohl, heute Bundeskanzler.